Wiesenviertel in Witten: Ein Viertel entdeckt sich selbst

Die Wiesenstraße ist das kreative Zentrum des Viertels / Foto: LJOE

Immer mehr junge Leute aus Dortmund und Umgebung zieht es plötzlich nach Witten. Was ist dran an der Flucht in die Tristesse? Wird Witten plötzlich das Brooklyn von Dortmund? Ein Besuch in Wittens angesagtestem Wohnviertel: Das Wiesenviertel.

Leerstand, leere Stadtkassen und ein trauriges Gebäudeensemble aus den 1960er Jahren bestimmen seit langer Zeit das Stadtbild von Dortmunds einsamen Nachbarplaneten Witten. Und doch schwappen seit gut drei Jahren immer wieder Begeisterungswellen zu uns Dortmundern hinüber: Witten, da geht was. Witten, da ist es plötzlich irgendwie cool. Was ist dran, wenn immer mehr junge Leute plötzlich Dortmund den Rücken kehren, um ihr Leben in der Einöde Wittens aufzubauen? Ich habe diesem komischen Grüppchen im Bogestra-Land einen Besuch abgestattet.

Wenn junge Menschen und Studenten (meist von der Uni Witten/Herdecke) begeistert von Witten sprechen, dann meinen sie in erster Linie das Wiesenviertel. Hier lässt sich nämlich auf gewisse Art und Weise tatsächlich das Gefühl eines Mikro-Brooklyns erleben, ja sogar anfassen. Denn anfassen, darum geht es in in diesem Nachbarschaftsquartier direkt neben der Fußgängerzone. Das Wiesenviertel ist klein genug, um den Überblick zu behalten und alle gedachten Projekte koordinieren zu können: Das Wohnquartier rund um die Wiesenstraße schien vor etwas über drei Jahren der perfekte Mikrokosmos für die Kulturinitiative Stellwerk, um mit extrem viel Engagement und Liebe zum Kiez binnen kürzester Zeit jährliche Fördergelder zwischen 100.000 und 200.000 Euro zu mobilisieren. Damit schufen sie eine kleine, dafür aber stark vernetzte Kreativwirtschaft und wandelten binnen kürzester das Gesicht des verarmten und vor sich hin dösenden Straßenzuges: Aus Leerstand wurde neue Nutzung, die Kulturkneipe Knuts wurde gegründet, mit dem angeschlossenen Roxi gibt es eine kleine Bühne für Bands und Künstler „zum Anfassen“, zahlreiche Blumenkästen an der Straße laden die Anwohner zum Urban Gardening vor ihrer Haustür ein, die Gießkannen für die vielen Pflanzenkübel stehen Tag und Nacht im Springbrunnen an der Wiesenstraße zum Einsatz für jedermann bereit. Möglichst viele Ideen wurden an einem Ort gebündelt, um eine entsprechende Ausstrahlungskraft zu erreichen, die am Ende allen Bewohnern zugute kommt. Mittlerweile gibt es hier den überregional bekannten „Tummelmarkt“ und ganz entzückende Straßenfeste in Wohnzimmeratmosphäre. Groß ist das Viertel wahrlich nicht, ich stehe nach 5 Minuten Rundgang schon wieder am Ausgangsort: Dem Knuts. Die gemütliche Kneipe in der Wiesenstraße 25 ist Dreh- und Angelpunkt der hiesigen Kreativszene. Im Hinterhof teilt man sich den urigen Biergarten mit dem […] Raum Cafe links nebenan, vor der Tür zur rechten Seite sitzen junge Menschen auf Holzstühlen vor der Kneipe Klim Bim auf der Straße, daneben schließt sich die kleine „Show Room“ Galerie an.

Pflanz was! Das Viertel lädt seine Anwohner zum Mitmachen ein / Foto: LJOE

Mittlerweile ist das Wiesenviertel ein Vorzeigeprojekt für viele Problemstädte

Das Leerstands-Vakuum im Wiesenviertel wurde in Eigeninitiative konsequent mit kreativen Projekten gefüllt und Anwohner stets eingebunden und mit offenen Armen empfangen. Das trug Früchte: Mittlerweile ist das Wiesenviertel ein Vorzeigeprojekt für viele Problemstädte. Junge Kreative und Künstler fühlen sich vom Aufwind ebenso angezogen wie Mitdreißiger-Pärchen, die sich hier mehr Ruhe und vor allem mehr Understatement versprechen als im hektischen Kreuzviertel Dortmunds. Ist es hier tatsächlich so, wie Kreuzviertler es sich wünschen würden?

„Es ist gemütlich und durch die gute Atmosphäre fühlt man sich sicher“, berichtet mir die 34jährige Petra. Eine junge Bedienung an der Bar ergänzt:“ Da drüben, dass ist unser Brunnen. Da kannst du Pflanzen einsetzen wenn du magst.“ Mit dem Zeigefinger zeigt sie in Richtung Springbrunnen. Ob die Gießkannen nicht geklaut werden und niemand des Nachts in die Blumen pinkelt, frage ich als mit allen Wassern gewaschener Ur-Dortmunder. Beide schauen mich erstaunt an. „Davon habe ich hier noch nie etwas gehört oder mitbekommen.“ Ist das Wiesenviertel das Williamsburg vor den Toren Dortmunds? Ich sitze zwischen diesen schluffigen jungen Leuten in diesem lauschigen Biergarten und irgend ein tief verborgenes Gefühl in mir erinnert mich tatsächlich an meinen ersten Besuch jenseits des East Rivers von Manhattan vor knapp 15 Jahren. Nichts scheint hier hektisch, die Stimmung versprüht Geborgenheit und auffällig viele junge Menschen blättern Limo schlürfend und gedankenverloren in einem abgegriffenen Buch mit Eselsohren am Einband.

Am Brunnen gibt es Gießkannen für´s Urban Gardening, der Baum trägt ein Jäckchen / / Foto: LJOE

Zwischen all diesen hässlichen Ruhrgebiets-Fassaden entsteht also tatsächlich etwas spannendes und im Wiesenviertel kann man es förmlich riechen. Und riechen, das können einige da draußen besonders gut. Es sind die Investoren, die ganz genau wissen, wann sie in Vierteln wie diesem zuschlagen müssen. Erste Opfer des Aufschwungs gibt es bereits: Ausgerechnet die Urheber dieser ganzen Idee, die Kreativ-Initiative Stellwerk rund um Urban-Mastermind Philip Asshauer, gaben im Juni dieses Jahres ihre Auflösung bekannt. Zu groß war der Arbeitsaufwand, sie sprachen von einer 60 Stunden Woche bei einer so geringen Entlohnung, dass sie ihn und seine Gruppe in echte finanzielle Probleme brachte. Die Fördergelder müssen wieder in Projekte zurückfließen, übrig blieb da außer einer brennenden Leidenschaft nicht viel. Nun spekuliert man auf die Gründung des Wiesenviertel-Vereins und einer Neubündelung der Projekte und der Koordination. Jeder Nachbar und jeder Viertel-Freund ist gefragt, viele wollen mitmachen. Ebenso wollen sich auch die Studenten der Uni Witten/Herdecke beteiligen.

Hip, urban, entspannend: Im Biergarten des Raum Cafés / / Foto: LJOE

Bleibt zu hoffen, dass sie auch den großen Haien die Stirn bieten können, wenn es darum geht, Mietpreissteigerungen und drohende Übergentrifizierung zu verhindern. Viele Viertel haben diese Kämpfe bereits austragen müssen, mit immensen Verlusten an Authentizität und Originalität. Ich wünsche mir, dass sie dem Mikrokosmos Wiesenviertel so lange wie möglich erspart bleiben. Noch eine Limo bitte, und dann fahre ich zurück nach Dortmund. Was lange nachklingt, ist das Gefühl, etwas schönes gesehen zu haben. Dass ich so etwas mal über Witten sagen würde.

 

Kommentare

Teile diesen Artikel:

About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.