INSIDE DORTMUND – Die Stadt in allen Dimensionen

Auf Dächern wie diesem in Dortmund kann ich am Besten entspannen / Szene aus INSIDE DORTMUND

Es gehört zu den Rätseln der Stadt, dass sie von Menschen gemacht ist und sich doch ihrer Kontrolle weithin entzieht. Doch immer mehr Menschen wollen das ändern. Ich bin einer von ihnen.

Grenzen überschreiten, Schlupflöcher finden, zwischen Mauern, Wänden und auf Dächern. Ich nehme meine Heimatstadt Dortmund in all ihren Dimensionen wahr. Und genauso möchte ich mich in einer Stadt auch bewegen dürfen. Ähnlich einem „Bug“, diesem berühmten Fehler in einem Videospiel, in dem die Spielfigur plötzlich zur Hälfte  in der Wand verschwindet, suche ich in der Stadt nach möglichen Wegen und Räumen, die für die meisten auf den ersten Blick nicht als Wege erkennbar sind. Und plötzlich durchschreite ich unbekannte Tunnel und schlüpfe durch Risse im Beton, als könnte ich durch Wände gehen.

Ein Recht auf Stadt. Mehr möchte ich gar nicht. Und doch stoße ich mit meiner Forderung an jeder Ecke übel an, denn jeder Quadratzentimeter ist nicht mehr öffentlich nutzbarer Raum für seine Bewohner, sondern vollkommen privatisiert. Jeder Weg ist vorgegeben, vorgedacht und kontrolliert (CCTV!), oft fühle ich mich bei meinen alltäglichen Strecken eingeengt, hineingepresst und fremdgesteuert. An manchen Tagen erdrückt mich die Stadt mit ihrer gewollten Funktion: Seit jeher scheint ihr reiner Zweck die Geldvermehrung. Deshalb ballen sich hier die Menschen zu gigantischen Haufen, egal scheint ihr Verlangen nach Freiraum und Abenteuer. Ein unkontrollierbarer Nebeneffekt aber ist die Entwicklung einer seltsamen Kultur, die sich nur dort entwickeln kann, wo der Mensch, scheinbar vollkommen entkoppelt von der Natur, sein Leben gestaltet:  Ohne die Großstadt wäre der Jazz nicht der Jazz, wie wir ihn heute kennen. Ohne die Großstadt hätte es niemals so etwas großartiges wie Hip Hop gegeben.

Der Wunsch, die eigene Existenz aus dem Raster zu lösen scheint in der Großstadt besonders stark zu keimen

Hip Hop ist ein Gemeinschaftsgefühl, die Flucht aus der unbekannten Masse zurück zum Spüren und Erleben des Individuums, und sei es auch in einer archaischen Form – des Battlens. Mit einher geht dabei das Spüren der Stadt mit den Händen und mit dem ganzen Körper: Der Breakdancer dreht sich auf dem Beton, der Sprayer fühlt die Struktur der Wand. Warum kratzen Menschen ihre Tags in die Scheiben von U-Bahn Wagons? Für die einen nur Vandalismus, so ist es doch ein von Menschenhand geschaffener Code, der so tagein, tagaus durch die Stadt fährt. Ein stiller Aufschrei eines Einzelnen in der stummen Masse der Pendler, glücklich ist der, der den Code entziffern kann.

Eine Stadt voller Codes und Geheimnisse – Die YouTube Serie Dortmunder Klabauter zeigt sie euch

Der Wunsch, die eigene Existenz aus dem Raster zu lösen scheint in der Großstadt besonders stark zu keimen. Und wir werden immer mehr: Urban Guerillas und Hacker nehmen sich Gärten, wo nur Brachgelände scheint, sie besetzen Parkplätze für eine Stunde mit Rollrasen und Stühlen, sie bemalen seit über 30 Jahren illegal die Wände ihrer Stadt mit Farbe, sie skaten auf Treppengeländern, rennen Parcour, indem sie die vorgegebene Struktur neu denken, sie surfen auf Bahnen und häkeln kleine Mützen auf Straßenpfosten. All diese Ausdrucksformen, sei es das „Hacken“ der Stadt durch selbstgemalte Zebrastreifen (findet so ziemlich jeder noch witzig) oder das brutale Eindringen in die privatisierten Räume („Wir wollen auch mal den Sonnenaufgang von hier oben sehen!“) nährt sich aus dem wachsenden Verlangen, die um sich greifende Privatisierung unseres Lebensraumes nicht länger hinzunehmen.
Es wächst die Lust am Offenen. Das Individuum des Digitalzeitalters will die urbanen Grenzen verändern und sich den verloren geglaubten Lebensraum wieder aneignen. Es ist keine Revolution, die hier stattfindet. Doch aber sind es Zeichen eines neuen Bewusstseins, dass sich in den Köpfen der Stadtmenschen formt.

Einzig ein Reichtum an Möglichkeiten bleibt für uns übrig

Dortmund ist hunderte Jahre alt. Wieder und wieder wurde die Stadt verändert, demontiert, abgerissen und überbaut. Alte Netze verbinden sich mit neuen Netzen, darüber liegt das moderne Netz Stadt, welches nahtlos mit ihr verwoben ist. Das gibt dem Ganzen ein sehr organisches Gefühl. Man schleicht durch das Netzwerk der Stadt wie ein Blutkörperchen durch ein System von Adern. Wir kamen mal aus dem Dschungel, unser Dschungel ist jetzt aus Beton.
Ich denke, dass es unser Recht ist, zu erfahren, wo wir eigentlich leben. Ich denke, dass es unser Recht ist, zu erfahren, was sich hinter der nächsten Ecke unseres Wohnblocks befindet, oder hinter der Betonwand mit dem Lüftungsgitter darin, welches an dieser Stelle eigentlich gar keinen Sinn machen sollte. Die Neugier ist ein ganz natürlicher Instinkt. Zu entdecken und zu erkunden. Den Reichtum schöpfen in unserer Stadt nur ein paar wenige Menschen, wir aber gehören nicht dazu. Einzig ein Reichtum an Möglichkeiten bleibt für uns übrig.

Ein ganz eigenes Verständnis von urbaner Schönheit

Die Wahrnehmung von Ruhrgebiets-Ästhetik kann durchaus verschieden sein. Ich habe da ein ganz eigenes Verständnis von urbaner Schönheit. In der Playlist DORTMUNDER KLABAUTER könnt ihr mir an die interessantesten Spots in Dortmund folgen. Der mittlerweile neunte Teil trägt den Titel INSIDE DORTMUND, und hier geht es eben um das Erleben aller Dimensionen der Stadt. Während hektisches Treiben durch die Straßen eifert, sind es nur wenige Etagen bis zum nächsten Dach. Dort oben herrscht die Stille und die Entspannung, die Stadt wird klein und dumpf. Hier verweile ich am Liebsten. Von oben geht es wieder hinab, in die Querverbindungen in den Wänden, die wir so gerne übersehen. Eine Treppe, ein Tunnel – und da sind sie wieder, die stummen Pendler. Am Ende findet sich eine friedliche Koexistenz von Mensch, Maschine und Beton. Die Dortmunder Klabauter Videos sind selten länger als ein Musikvideo. Inhaltlich geht es mir darum, eine Großstadtästhetik zu dokumentieren. Illegale oder waghalsige Aktionen zu filmen liegt mir fern. Deshalb ein klarer Disclaimer: Lasst den Scheiss und glaubt nicht alles was ihr seht. Viel Spaß mit INSIDE DORTMUND, Teil 1.

Hier findet ihr die ganze Serie bei YouTube.

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.