Die Liebe zum Detail: 16 Jahre Cosmotopia

Das Cosmotopia im Jahre 2016 / Foto: Facebook

Es war irgendwann Ende der 90er, da nahmen mich Freunde zum ersten Mal mit in den verrücktesten Club der Stadt: Das Neotopia auf der Schützenstraße in der Dortmunder Nordstadt. Das Gebäude war ein altes Bordell, ein Sammelsurium aus alten Sofas, Discokugeln und vielen feierwütigen Menschen. Ich war knapp über 20 Jahre alt und betrat damals eine andere, faszinierende Welt, die mich wohl bis heute geprägt hat.

Im Jahr 2000 gründeten Mitbegründer Sinischa Wichmann und ein Team von engagierten Helfern mit viel Ach und Krach, Aufopferung und einer großen Portion Glück daraufhin das nun unter neuem Namen laufende Cosmotopia. Das ehemalige Bordell bot mit seiner Einrichtung eh schon ein trashiges 60s Retro-Flair, welches die Cosmotopia-Crew mit viel Liebe zum Detail in eine völlig eigene Welt verwandelte. Wer das Cosmotopia betrat, ging über in ein bunt-wohliges Treiben aus Plüsch, Trash, Perserteppichen und Second-Hand-Flower-Power-Chique. Auf der Bühne gab es Bands und im Anschluss jede Menge Parties: Fast jedes Partyformat im Ruhrgebiet hat sich irgendwann einmal hier gegründet, als blutjunge DJs und Pioniere der Szene hier den Start für ihre nächtlichen Karrieren setzten. Die Funktronix, Martini, Fabian Saavedra-Lara oder der Wolf sind nur wenige von vielen Namen, die bis heute immer wieder hinter den Turntables in Dortmund und Umgebung agieren, von Britpop- über Hip Hop-, 60s Trash-, Swing- oder Reggaeparties wurde in der Schützenstraße 146 so mancher Grundstein für verschiedene Formate gelegt.

Konzert im Cosmotopia auf der Schützenstraße, 2004 / Foto: LJOE

2004. Ich stehe heute mit meiner Band auf der Bühne des Cosmotopia. Die einzigartige Atmosphäre überträgt sich hier fast automatisch auf Band und Publikum. Ob es an dem mittlerweile durchgetanztem Teppichen unter unseren Converse liegt oder an der Magmos-Beleuchtung, die sich wabernd an den Wänden dreht, kann ich nicht mehr sagen. Eines aber bleibt auch nach den ersten 5 Jahren hängen: Dieser Ort prägt uns alle hier wie kein anderer, sein Ruf geht mittlweile weit über die Stadtgrenzen hinaus. Um so schlimmer, als Ende 2005 das Aus des Clubs verkündet wird: Wichmann berichtet in der TAZ von Erschöpfung, versucht es aber ein weiteres Mal, diesmal unter dem Namen Wohnzimmerclub.

Plüschige Utopie

Ich selbst erlebte den nun folgenden Wohnzimmerclub als kommerzieller. Die Parties waren immer noch verdammt gut, aber mittlerweile zog es jeden Studenten von slacker-cool bis Chemie-auf-Lehramt-langweilig mindestens einmal in Sinischas plüschige Utopie. Viele sprachen auch von der zweiten Generation von Gästen, der verruchte Spirit war raus, das Konzept aber blieb und überzeugte. Bis der alte Plüschpuff einem Supermarkt weichen musste. Mit dem Einschlag der Abrissbirne besiegelten viele die Ära Cosmotopia und genau so kam es: kein Club der Stadt konnte den Hype und das Wohlbefinden erzeugen, wie es die Party-Community bis dato im Cosmotopia fand. Das wusste auch Wichmann: Langsam, ganz langsam verwandelte er klammheimlich die alte Großmarktschänke am Heiligen Weg in ein Cosmotopia-Revival-Paradies.
2010. Wieder einmal locken Teppich, Plüsch und Accessoires aus dem Ur-Cosmo-Kosmos, wieder einmal siegt die Liebe zum Detail. Seit mittlerweile 6 Jahren finden bis heute Dortmunds beste Subkultur-Parties wieder statt, am neuen Standort in der Großmarktschänke. Martini, Teile der Funktronix oder der Wolf sind immer noch mit dabei. Das Konzept Cosmotopia überlebt die meisten Clubs der Stadt und bindet seine Freunde und die Nachtschwärmer mit seiner offenen, aber bestimmten warm-welcome Art und einem Gespür für handverlesene Subkultur-DJs. Die Soultrippin-Crew sind immer ein Garant für volle Dancefloors, ebenso wie die das Blockbuster Soundsystem bei ihren Dancehall-Events. 16 Jahre sind vergangen, ich bin immer noch Gast (ein Eintritt ab 21 Jahren sorgt stets für ein angenehmes Publikum), lege ab und an selbst an den Turntables auf kann gar nicht glauben, dass ich seit 16 Jahren mit euch feiern darf.

HigoDJ_Fotor

2013. Gast DJ von den kanarischen Inseln: Alex Sound in der Großmarktschänke / Foto: LJOE

 

 

Foto: Facebook

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.

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