„Muschis sind Architektur. Nippel sind Elektronik.“

Das Kunstlabel girls-unawares™ lässt echte Tumblr-User Modell stehen, um 3D gerenderte Genitalien und Ärsche vom Computer berechnen zu lassen.

In einer Zeit, in der wir mehr als je zuvor unsere menschlichen Körper kontrollieren wollen, durch Aufpumpen oder Dünnschrumpfen, ihn mit Add-Ons verschönern, spalten oder zerstören und das Geschlecht nach Belieben wechseln können, wird unser Äußeres nach Meinung des Hamburger Kunstlabels girls-unawares™ zu einem idealisiertem, durch Medien geformten Produkt. Das nahm der Hamburger Künstler hinter girls-unawares™ zum Anlass, echte Tumblr-User Modell stehen zu lassen, um am Ende 3D gerenderte Produkte von Genitalien und Ärschen vom Computer berechnen zu lassen. Eine ziemlich interessante und provozierende Gesellschaftskritik. Das soll uns der Typ, der girls-unawares™ ins Leben rief, doch lieber noch einmal selbst erklären:

LJOE: Du suchst dir deine Modelle und Fotos von Tumblr-Blogs aus und schreibst die Personen an, ob du Teile ihrer Bilder, vor allem wohl ihre Geschlechtsteile, kopieren, morphen und digital penetrieren kannst? Wie reagieren die angeschriebenen Personen darauf?

Im Grunde habe ich mir nur vier der Blogger selber ausgesucht, die anderen haben alle um ein Portrait gebeten! Angefangen hat es letztes Jahr September mit den Portraits. Eine Bloggerin hat mich gefragt ob ich sie portraitieren könnte, weil sie dachte dass meine vorherigen Bilder alle auf echten Models beruhen, was auch von Anfang an so gedacht war. Ich fand die Idee sehr gut und habe danach, als Dankeschön, die vier Blogger die mich am meisten promoted haben, portraitiert. Und das zog eine Welle von Anfragen nach sich. Ich habe jetzt 33 Portraits gemacht, habe noch 25 auf meiner Liste und muß täglich leider 1 bis 2 absagen!

LJOE: Du umschreibst, dass die Selfies, Selbstportraits und Selbstpräsentationen der Personen auf Tumblr dich zu diesen Bildern inspiriert haben. Erkläre uns das doch mal etwas genauer.

Ich seh‘ mir die Inhalte an und versuche den Kern zu finden, also: was sind die Hauptthemen des Bloggers? Einen ersten Eindruck bekomme ich meistens schon durch den Namen, wenn der Blog „Koterbrechen“ heißt, geht es nicht um Beanie Babys. Danach sehe ich mir die tagged/me-Bilder an, also die Selfies, um einen Eindruck von der Person selber zu bekommen, d.h. Aussehen, Style, Sexualität, Background etc. Wichtig zu erwähnen ist, dass die wenigsten der Portraitierten Nacktbilder von sich posten, das brauche ich auch nicht als Grundlage! Aus den Versatzstücken, die ich dadurch bekomme, versuche ich dann den Charakter in sexualisierter Form darzustellen. Zum Schluss ist es so als hätte ich eine Charakterstudie auf, zum Beispiel, einen Pimmel übertragen.

 

„Muschis sind Architektur, Nippel sind Elektronik und ein Arsch ist ein Mahl.“

 

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8gay said: what would mine look like? 8gay for girls-unawares 2015, 40x60cm, 3d-Digitalprint, 2015


LJOE: Welchen künstlerischen Weg hast du bis jetzt bestritten, um bei diesen 3D Renderings von penetrierten und gemorphten Sexualmerkmalen zu landen? Das scheint mir recht abgefahren. Wie eine Art pornografische Version von Künstlern wie Ray Caesar.

Ich bin studierter 3D-Designer und hätte nie gedacht, dass 3D als Medium für zeitgenössische Kunst funktioniert, bis ich die Arbeiten von Alex McLeod 2010 in Toronto gesehen und nach ein wenig Recherche Fake Shamus gefunden habe. Danach war ich heiss! Die Grundidee für girls-unawares™ war eine Kritik an der Sexualisierung bei einer bestimmten Modemarke und dem Bild, das vermittelt wird. Deshalb die sprachliche Doppeldeutigkeit des Namens girls-unawares™ /girls-underwares, es sollte den Eindruck eines Modelabels erwecken. Ich habe gedacht, wenn Models oben ohne sein müssen um eine Hose zu verkaufen, dann reduziere ich das Model nur noch auf ihre Geschlechtsteile. Und danach ist es wild geworden, ich spielte mit dem Körper, versuchte möglichst viel um die Geschlechtsteile herum weg zu lassen und trotzdem möglichst viel Charakter einzubringen. Muschis sind Architektur, Nippel sind Elektronik und ein Arsch ist ein Mahl. Und dann kamen die Portraits!

LJOE: Wie reagieren die Leute und die Community auf diese Werke?

Durchweg positiv! Ich habe bis jetzt nur ein Portrait gehabt, das ich abgelehnt habe und eins, das nicht angenommen wurde. Tumblr ist sexuell-politisch sehr interessant, wenn ich den Mix auf meinem Dashboard (1907 verfolgte Blogs) als Durchschnitt nehme. Den meisten ist klar, was LGBTQ bedeutet (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer oder Questioning, Anm. des Autors) und sie setzen sich in der Selbstdarstellung mit ihrer Sexualität auseinander. Gay, Bi, Hetero, cis, gender-fluid, trans-women/man oder non-binary lese ich oft, es gibt Diskussionen über rape-culture oder es wird trans-Leuten gedacht, die umgebracht wurden. Es gibt einen regen Austausch über christlich/gesellschaftliche Werte und Moral, Halsbänder mit O-Ring sind Fashion-Statement oder klare Ansage. Da passt meine Kunst natürlich super! Ich versuche unseren Geschlechtsteilen die Ernsthaftigkeit zu nehmen, egal ob Gesicht oder Arsch, es kann jemanden darstellen, jemanden erfassen. Geschlechtsteilen wird viel zu viel Bedeutung beigemessen – bloß nicht sehen, bloß nicht zeigen, schmutzig. Egal, ist doch nur Haut und Fleisch, wie der Rest!

Mit seinen Grafiken trifft girls-unawares™ einen Nerv unserer Zeit: Ab dem 18. Juni 2015 stellt die Superchief Gallery in Brooklyn, New York eine Arbeit des Hamburgers aus, ein Schweizer Designbüro möchte die Arbeiten als Buch verfassen und ab August 2015 werden die Arbeiten in mehreren Städten auf den bekannten Kunst und Sünde Parties zu sehen sein. Wir halten euch auf dem Laufenden.

All images (c) http://girls-unawares.tumblr.com/ // http://imgur.com/a/XmO3X#47

 

 

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.