Wir sind die Toten von morgen

Wir sind die Toten von morgen

Eine bedrückende Botschaft setzte den Schlusspunkt hinter die Aufführung. / Foto: Florian Kohl

 

Nach einem aufsehenerregenden zweiten Tag (siehe Kommentare) ist das in Dortmund stattfindende arabische Kultur-Festival HUNA/K (veranstaltet von der Zukunftsakademie NRW) gestern ein wenig zur Ruhe gekommen. Die Veranstalter knüpften mit einer informativen und facettenreichen Präsentation inklusive Diskussion über StreetArt und Graffiti im Öffentlichen Raum im Export 33 an ihre inoffizielle Eröffnungsaktion mit Yazan Halwani an. Im Gesamtkontext zu „Schrift, Sprache und Öffentlicher Raum“ sowie der Bedeutung und Repräsentation von arabischer Schrift und Sprache gaben Lisa Bogerts (wiss. Mitarbeiterin der Goethe-Universität Frankfurt) und Fabian Heerbaart (wiss. Mitarbeiter und Doktorand an der Uni Köln) noch einmal eine andere Perspektive auf die Thematik.

Kunst von Yazan Halwani aka "Beiruts Banksy"

Foto: Didi Stahlschmidt

Im Anschluss verlagerte sich der Fokus an das Schauspielhaus Dortmund, wo der libanesische Musiker und Musikproduzent Sherif Sehnaoui und der Illustrator Mazen Kerbaj „Wormholes“ aufführten – eine letztlich mitreißende audiovisuelle Show, mit der sie auch schon bei den Berliner Festspielen auftraten. Um ihr Ziel, dem Verhältnis von Bild und Musik in der Interaktion von Raum und Zeit Ausdruck zu verleihen, zu erreichen, bearbeitete Sehnaoui seine auf dem Schoß liegende präparierte Gitarre mit leichten Holzsticks, während Kerbaj im Zusammenspiel mit der Musik seine live-Malerei auf die Leinwand projizierte. Letztere standen dabei im Mittelpunkt des Geschehens und das Publikum staunte immer mehr, wie der ebenfalls aus dem Libanon stammende Künstler vor ihren Augen mit Tinte und Lösungsmitteln, Klarsichtfolien, Sprühflasche, Milchaufschäumer, Blasröhrchen und anderen Werkzeugen ein fortlaufendes, aus sekündlich neu gezeichneten Bildern bestehendes Gemälde entwarf, das schon fast filmischen Charakter besaß.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

So obskur und rätselhaft die visuals und so ungewöhnlich die Klänge anfangs waren – als die Künstler Stück für Stück die Botschaft ihres gut 40 minütigen Stücks enthüllten, lichtete sich auch für die Anwesenden der Nebel. Die erst vereinzelt, nachher aber sich in einer großen, furchterregenden Masse schreckerfüllten Gesichter sprachen am Schluss ihre implizite Mahnung aus, die gleichsam der von der Aufführung erwirkte Gedankenanstoß war: Wir sind die Toten von morgen.

Und weil die Eindrücke nicht besser beschrieben werden können, gibt es hier noch ein kurzes Video davon:

Veranstaltungshinweis:

Weiter geht es heute ab 14 Uhr im Roxy mit dem animierten Kinderfilm Azur wa Asmar aus Frankreich, der in ein Märchen wie aus Tausend und einer Nacht führen will. Und ebenfalls im Roxy läuft dann ab 21 Uhr A World Not Ours von Mahdi Fleifel. Der Film aus dem Jahr 2012, der bei der Berlinale 2013 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, handelt von einem palästinensischen Jungen, dessen Familie schon seit über 60 Jahren in einem Geflüchtetenlager im Libanon lebt und möchte aufzeigen, dass das Lager nur für diejenigen ein Sehnsuchtsort sein kann, die es jederzeit verlassen können.

Spread the word. Share this post!

About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.