Widerstand ist kein homogenes Phänomen – Ausstellung „Whistleblower & Vigilanten“ im U

Ein Aktivist der Vigilanten-Gruppe Anonymous / Foto: Strevo licensed under CC BY-SA 2.0Ein Aktivist der Vigilanten-Gruppe Anonymous / Foto: Strevo licensed under CC BY-SA 2.0

Passender hätte der Zeitpunkt kaum sein können: Pünktlich zum Leak der Panama Papers eröffnet am 8. April die Ausstellung „Whistleblower & Vigilanten – Figuren des digitalen Widerstands“ des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) in der 3. Etage des Dortmunder U.

Das Konzept der Ausstellung ist dabei jedoch nur scheinbar simpel: Denn es ging den Kuratoren Inke Arns (HMKV) und Jens Kabisch (München) nicht darum, die wie moderne „Helden“ gefeierten Geheimnisverräter einfach nur zu portraitieren. Vielmehr beschäftigt sich die Ausstellung mit den Beweggründen der Personen oder Kollektiven und mit dem ihren Aktionen zugrunde liegenden Rechtsverständnis.

Spätestens seit Edward Snowden weiß jeder, was ein Whistleblower ist – aber gleicht einer tatsächlich dem anderen? Und wofür setzen sie sich ein? Snowden beispielsweise erklärte stets, dass er nicht die USA angreifen, sondern ihre Verfassung schützen wolle – und eignet sich somit eigentlich keineswegs als Idol für die bisweilen etwas anarchisch angehauchten Debatten über den Schutz des Individuums bzw. die Überwachungswut staatlicher Organisationen. Auf der anderen Seite steht Julian Assange, dessen Veröffentlichungsplattform WikiLeaks eher zum Ziel hat, Verborgenes jedweder Art aufzudecken, um die Wirksamkeit und Wichtigkeit eines Aktivismus zu unterstreichen. Beide verfolgen also hehre Ziele, sind aber in ihrer Motivation grundverschieden: Hier Snowden, der nach eigener Aussage aus Liebe zu den USA handelt und Bestehendes bewahren möchte – seine Enthüllungen also als Korrektiv einsetzt, und dort Assange, der ebenfalls Missstände beseitigen möchte, dabei allerdings nicht so sehr in der bestehenden Ordnung verhaftet ist, sondern auch eine gewisse Nähe zur Ideologie des Anarchismus aufweist.

„Whistleblower & Vigilanten“ umfasst die Geschichte des Geheimnisverrats von Daniel Ellsbergs 1971 veröffentlichten, den Vietnamkrieg behandelnden „Pentagon Papers“, bis hin zu den Enthüllungen der „Drone Papers“ aus dem Herbst 2015 und bedient sich zur besseren Einordnung der verschiedenen Arten des Widerstands einer Unterteilung in Rechtsverständnisse. Diese auch räumlich umgesetzten Bereiche geben den Ausstellungsbesuchern tatsächlich ein hilfreiches Koordinatensystem, anhand dessen die Orientierung in diesem nur oberflächlich einfachen Thema leichter fällt. „Whistleblower & Vigilanten“ mag aufgrund dieses Tiefgangs nicht unbedingt eine Ausstellung für jeden sein, wer aber Gefallen daran findet, unserer Gesellschaft zugrunde liegende Rechtskonzepte anhand des hoch aktuellen und brisanten Themas der digitalen Widerstandskämpfer zu betrachten – und eventuell auch mit sich selbst bzw. eigenen Sympathien ins Gericht zu gehen – wird in den Räumen des HMKV spannende Stunden zubringen können.

Hier sind noch ein paar Eindrücke davon, was es dort zu sehen gibt:

Videostill aus 5.000 Feet is the Best von Omer Fast / Foto: Courtesy of the artist, Arratia Beer, Berlin and gb agency, Paris

Videostill aus 5.000 Feet is the Best von Omer Fast / Foto: Courtesy of the artist, Arratia Beer, Berlin and gb agency, Paris

Videostill aus der Arbeit „The United States vs. Pvt. Chelsea Manning“ /Foto: Clark Stoeckley

Videostill aus der Arbeit „The United States vs. Pvt. Chelsea Manning“ / Foto: Clark Stoeckley

Videostill aus der Arbeit „The United States vs. Pvt. Chelsea Manning“ / Foto: Clark Stoeckley

Videostill aus der Arbeit „The United States vs. Pvt. Chelsea Manning“ / Foto: Clark Stoeckley

Ansicht eines Plakataufstellers des Aussteigerprogramms „Intelexit“ des Peng! Collective vor der Zentrale des BND, 2015

Ansicht eines Plakataufstellers des Aussteigerprogramms „Intelexit“ des Peng! Collective vor der Zentrale des BND, 2015

Plakat der Ausstellung „Whistleblower & Vigilanten. Figuren des digitalen Widerstands“ im HMKV im Dortmunder U


Hardfacts:
„Whistleblower & Vigilanten – Figuren des digitalen Widerstands“
Eine Ausstellung des Hartware MedienKunstVerein im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse 1
Vernissage: 8. April, 19 Uhr
9. April – 14. August
Di.-So und Feiertags 11-18 Uhr, Do.+Fr. bis 20 Uhr, Mo. geschlossen
Eintritt normal 5 € / ermäßigt 2,50 €

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.