Wenn dir das Leben eine Lektion erteilt

This is how change of thoughts starts

Der Moment, in dem dir der Teppich unter den Füßen weggezogen wird und du auch noch mit einem Vorschlaghammer in den Betonboden gerammt wirst. / Foto: Florian Kohl.

Neulich sind wir nach Italien gefahren. Für eine Woche dem schnöden, etwas zu kühlen Frühling entfliehen, gutes Essen, guten Wein und guten Kaffee genießen, sich von einer der schönsten Sprachen dieses Erdballs verzaubern lassen – eben ein paar Tage lang im Lieblingsurlaubsland zubringen. Das war der Plan, aber meine grenzenlose Liebe zum Stiefel-Land wurde noch am allerersten Tag auf eine sehr, sehr, SEHR harte Probe gestellt.

Die erste Nacht wollten wir im Oltrepó verbringen, einer Gegend südlich von Mailand, und auf dem Weg dorthin noch einen kurzen Stop in der lombardischen Hauptstadt einlegen. Rund um das Zentrum fehlt es dieser Stadt an Schönheit, eher vermittelt sie meistens den Eindruck, man habe sich gerade aus Versehen in ein Risikoviertel verfahren. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich aber, dass es eben nur so aussieht. Also parkten wir an einer großen Straße direkt hinter einem Kreisverkehr (Parkhäuser sind dort rar gesät) und gingen shoppen. Als wir mit leeren Händen zurückkamen, war es, wie es sein musste: Auf der Beifahrerseite war hinten die kleine Scheibe eingeschlagen. Weg waren die Tasche meiner Freundin (mit all ihren Klamotten), ihre Arbeitstasche (ausschließlich gefüllt mit in wochenlanger Fleißarbeit angefertigten handschriftlichen Notizen für die Arbeit und mit Büchern aus der Unibib) sowie auch meine Tasche (mit all meinen Klamotten) und mein Notebook, für dessen Dateien (Erinnerungsfotos etc, unveröffentlichte Texte, eine über 10 Jahre angehäufte Musiksammlung und vieles, das mir vermutlich erst nach und nach einfallen wird) ich KEINE Sicherheitskopie besaß.

Der Vorher-Nachher-Effekt

Warum es so sein musste? Weil ich schon sicher ein Dutzend Mal in Italien war und dort noch nie irgendein Problem mit Kriminalität hatte, obwohl die landläufige Wahrnehmung / Erlebung dieses Landes einen Autoeinbruch schon fast zur Normalität erhebt. Meine Freundin hatte schon von der ersten Minute an ein schlechtes Gefühl, ich aber in meiner Gutmütigkeit redete beruhigend auf sie ein. Und da ist auch schon der für mich schwierigste mit diesem Vorfall zusammenhängende Punkt erreicht: Wie verarbeite ich das, ohne meine bisherige Einstellung zum Leben („Sei gut zu der Welt, dann ist sie auch gut zu dir“) aufzugeben? Natürlich schmerzt der materielle Verlust wie eine bei einer Grätsche auf schlechtem Kunstrasen zugezogene Schürfwunde und selbstverständlich war ich auch wütend auf diese gesichtslosen Wichser, die sich erlaubten, zu nehmen, was ihnen nicht gehörte. Aber meine Wut war auch ein Resultat der Enttäuschung von der Menschheit bzw. der Ernüchterung, dass Karma (oder wie auch immer man es nennen möchte) nur ein Hirngespinst ist. Und: Irgendwie bleibt auch eine Art Schuldgefühl zurück.

Da wir außer dem, was wir am Leib hatten, nichts mehr besaßen – nach so einem Tag macht es erst so richtig Spaß, am nächsten Morgen wieder in dieselbe Unterhose zu schlüpfen – haben wir uns unsere Garderobe in den folgenden Tagen wieder einigermaßen zurechtgeshoppt (die Klamotten fühlen sich jetzt aber anders an, irgendwie fremd). Und ja, ich weiß jetzt, dass ein Daten-Backup auch bei einem nagelneuen Computer Sinn macht. Außerdem habe ich gelernt, der Welt wenigstens ein bisschen argwöhnischer entgegen zu treten (was ich sehr allerdings bedauere) und öfter auf den siebten Sinn meiner Freundin zu hören. Diese Lektion, die sich wie ein mit Anlauf von hinten in die Eier verpasster Tritt anfühlt, hat jedenfalls gesessen. Italien ist noch immer mein Lieblingsurlaubsland – statistisch betrachtet ist das Risiko, ausgeraubt zu werden, in Deutschland sogar noch höher. Aber die Sorglosigkeit, die das Leben manchmal so schön und schwerelos macht, die ist futsch, genauso unwiederbringlich wie einige wertvolle Puzzleteile der Vergangenheit. Das ist für mich das eigentlich Schlimme an dieser beschissenen Episode.

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.