Welche Schlüsse ziehen wir aus den Anschlägen von Paris?

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Foto: Benjamin Stäudinger / Flickr / License: CC BY-NC-ND 2.0

Warnungen vor Terrorakten in Europa gibt es schon lange, dennoch wog sich die Mehrheit der Leute hierzulande in Sicherheit. Denn im Verhältnis zur Häufigkeit, in der uns diese Androhungen erreichen, sind Häufigkeit und Ausmaß solcher Ereignisse – ohne etwas verharmlosen zu wollen und mit Ausnahme der Anschläge von Madrid – stets doch noch überschaubar. Jeder wusste, dass es auch „uns“ treffen kann, aber daran geglaubt hat trotzdem niemand. Jedenfalls nicht so richtig. Wir waren wie in einem Schlaf mit Selbstschutzfunktion und auf furchtbare Art und Weise haben uns nun die Männer, die mordend durch Paris wüteten, wachgerüttelt.

Dabei ist es wohl die Vielzahl der mehr oder weniger zeitgleich stattfindenden Attentate und die Tatsache, dass ausschließlich Menschen in ausgelassener Stimmung zur Zielscheibe wurden, die einem nun besonders nahe gehen. Der Schrecken wirkt noch viel immenser, wenn er in so krassem Kontrast zur bis dahin vermutlich vorherrschenden Atmosphäre steht. Eingehüllt in Verwirrung und eine Art Trauer, getrieben von der Unschlüssigkeit darüber, wie ich diesen Freitag, den 13. verarbeiten soll oder kann, ging ich am Samstag vor die Tür, um mir die Beine zu vertreten und den Wind meine Gedanken durchwirbeln zu lassen. Doch anstatt der sonntagartigen Stille, die ich von meiner eigenen Verfassung ausgehend draußen erwartete, wehten fröhliche Trommellaute und Fangesänge von der Roten Erde zu mir herüber. „Wie können die jetzt so ausgelassen sein?“, fragte ich mich. Geht das denen so am Arsch vorbei? Wohl kaum, die Anschläge von Paris sind ganz sicher auch vor und nach dem Spiel Thema. Aber heute hat der BVB II eben Heimspiel – wieso sollte man jetzt seine Pläne gleich über den Haufen werfen? Die Welt dreht sich eben weiter, dachte ich mir nicht ohne einen Hauch von Bitterkeit.

Also müssen wir uns mit der Frage befassen, wie wir mit dem, was da in Paris passiert ist, umgehen. Welche Konsequenzen wir daraus ziehen und wie wir jetzt den Alltag geschehen lassen, ohne zuzulassen, dass sich wieder alles beim alten status quo einpendelt. Soviel vorab: Ich habe keine Antworten darauf, sondern kann in dieser emotionalen Verfasstheit nur Gedanken beisteuern. Wer Polizist_innen in seinem Bekanntenkreis hat, weiß, dass es mehr Bombendrohungen und mehr Aktionen zur Abwehr terroristischer Bedrohungen gibt, als publik wird – man muss die Menschen ja nicht kirre machen. Eine noble Maßnahme seitens des Staates, denn wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, dass auch eine erhöhte Alarmbereitschaft Terrorismus nicht verhindern kann, dann wurde dieser gestern in Paris geliefert. Also was? Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärfen und hoffen, dass das hilft? Oder sich dem Fatalismus zuwenden? Und wie wollen wir den Fanatismus eindämmen bzw. seine Verbreitung aufhalten? Frieden mit dem IS oder anderen islamistischen Organisationen wie Boko Haram erscheint mir undenkbar, aber ein intensiveres Eingreifen würde uns doch wohl eher noch mehr Terror bringen. Davor dürfen wir dennoch nicht zurückschrecken, denn sobald der Untergang des IS absehbar ist, dürften ihm auch seine Sympathisanten davonlaufen. Auch den Fundamentalisten (bzw. vor allem den Mitläufern unter ihnen) wird ihre eigene Haut zu teuer sein. Allerdings kostet ein Krieg so viele Menschenleben – wollen wir das wirklich verantworten? Wobei mit einem nicht-Eingreifen auch viele Menschen mordenden IS-Brigaden überlassen würden. Dieses Dilemma mag die möglichen Vorgehensweisen außerhalb Europas beschreiben, wie aber begegnen wir dem Terrorismus bzw. seinen Sympathisanten hier bei uns? So muss man sich die Frage stellen, wie man den in Europa lebenden, sich so im Stich gelassen fühlenden Menschen begegnet, die bereit sind, Unschuldige aus Rache in Unglück zu stürzen. Jahrzehntelang hat Frankreich die Banlieues links liegen lassen, mit der Folge, dass der Hass auf den Staat sich dort derart festgesetzt hat, dass man ihn nicht innerhalb einiger Jahre wieder beseitigen kann. Versuchen muss man es trotzdem. Zwar kamen die Attentäter zum Teil gar nicht aus Frankreich, aber das diesen Banlieues innewohnende Gefahrenpotenzial ist unverkennbar und das Problem ohnehin kein spezifisch französisches (aus Belgien kommen übrigens auch die meisten ausländischen Kämpfer des IS).

In Paris wurde das Abstrakte konkret

Was in Paris passiert ist, nimmt dem, worüber wir seit Jahren sprechen und lesen, seine Abstraktheit. So sieht der Terror aus, den wir alle aus Geschichten kennen (man könnte meinen, dass diejenigen, die in Syrien, Afghanistan, Pakistan, dem Libanon etc. regelmäßig Bombenattentaten ausgesetzt sind, sich denken: „Jetzt seht ihr mal, wie das ist.“ Stattdessen haben sie sogar in ihrem eigenen Leid noch Mitgefühl für uns in Europa). Und die grauenhafte, uns unserer Naivität beraubende Feststellung, dass er nicht dort bleibt, wo er herkommt, sondern dass Menschen, die hier leben, bereit sind, ihn auf unseren Straßen auszuüben, sollte uns zu denken geben. Wie kann jemand, der bei uns lebt, sich so tief in eine so dermaßen verkorkste Ideologie hinein verirren? Gründe gibt es dafür mehrere, allerdings dürfen wir auch vor der unbequemen Wahrheit nicht die Augen verschließen, dass unsere Gesellschaft manchen Menschen eben die sehr harte und sehr kalte Schulter zeigt. Dabei entzieht sich doch jeder Mensch, den wir nicht integrieren, unseres Zugriffs und stellt ein potenzielles Risiko dar. (Das gilt übrigens auch für die Rechten in unserem Lande. Deren Nachwuchs generiert sich nicht zuletzt aus Individuen, die keinen Platz in unserer Gesellschaft finden.) Und wenn jetzt die Forderungen wieder lauter werden, dass Deutschland – oder am besten gleich ganz Europa – sich abschotten soll: Keine Chance! denn die Menschen fliehen hierher – ob Seehofer, Bachmann und Co. es nun wollen oder nicht; bis wir die Fluchtursachen beseitigt haben, wird wohl noch viel Zeit vergehen. Es gibt in meinen Augen also keine Alternative zur Integration und es bleibt nur zu hoffen, dass bis 2017, wenn in Frankreich und Deutschland wieder große Wahlen stattfinden, die Werber für den Frieden erfolgreicher waren als die Kriegstreiber aka Front National und AfD.

 

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.