THE GREAT DEMOCRACY SHOW: Parcours durch einen Überwachungsstaat im Depot Dortmund

 
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 Vier Entertainer begießen nach einer grotesken Darbietung ihren Erfolg. Man ist stolz, Teil einer humanistisch orientierten Gesellschaftsstruktur zu sein, doch plötzlich der Schock: Der Regisseur ist verschwunden und das Publikum bleibt einfach sitzen. Ab diesem Augenblick ist nichts mehr wie es scheint und die neueste Produktion des Theaterkollektivs Sir Gabriel Dellmann nimmt die Zuschauer mit auf eine immer tiefer in die Risse dieser Gesellschaft eintauchende Reise bis hin zur völligen Dekonstruktion unserer eigentlich perfekt scheinenden Welt.

 
Regisseur Björn Gabriel, Theaterfreunden bekannt als Darsteller aus dem Schauspielhaus Dortmund, und sein Kollektiv beschäftigen sich in THE GREAT DEMOCRACY SHOW mit den aktuellen Fragen unserer Zeit: Wie definieren wir Freiheit in einer Gesellschaft, die durch den eigenen Fortschritt 24 Stunden am Tag unter totaler Überwachung steht? Wenn Überwachung ein Grundzug unserer Gesellschaft geworden ist, führt sie automatisch zu einer umfassenden, freiwilligen Konformität? Müssen wir Demokratie neu definieren, wenn die Herrschaft der Allgemeinheit längst die Kontrolle über ihre Volksvertreter verloren hat?
 
Schon Michel Foucault bezeichnete unser Ordnungsprinzip als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nannte. Zygmunt Bauman beschreibt darauf aufbauend unsere Postmoderne als „post-panoptisch“, ein Zustand ständiger Überwachung durch elektronische Signale wie Überwachungskameras, CCTV und Smartphones. Und durch die soeben erschienene Dokumentation „Citizenfour“ von Laura Poitras, in der sie eindrucksvoll den ersten Kontakt zu Edward Snowden beschreibt, bevor dieser unser letztes Fünkchen Vertrauen in Regierungen und Demokratie für immer zusammenstürzen ließ, hat diese Diskussion in den Feuilletons wieder an Fahrt aufgenommen. 
 
Die Umsetzung auf die Theaterbühne ist dank der beeindruckenden Leistungen der vier Darsteller Fiona Metscher (gerade mit „Dantons Dilemma“ für den Kölner Darstellerpreis nominiert), Christoph Röde, Jennifer Frank und Martin Hohner unglaublich gut gelungen. Auf ihrem temporeichen Parcours durch den Überwachungsstaat folgt ihnen das Publikum auf Schritt und Tritt – und damit tatsächlich zu verschiedenen Spielstätten quer durch die Katakomben des Depot Dortmunds. Es gibt jede Menge Video-Screenings und Live-Kameras à la Kay Voges, Kommentatoren begleiten die Zuschauer auf dem wahnsinnigen Ritt, Stimmen aus dem Off geben Anweisungen. Nach drei Viertel des Stücks ist auch dem Letzten im Publikum klar: Nichts ist mehr, wie es scheint. Da kommt es gerade recht, dass die vier Darsteller ihre Zuschauer zum Schnapstrinken an die Bar einladen. Entspannung macht sich breit. Ist der Spuk vorbei? Doch Sir Gabriel Dellmann haben in dieser bereits dritten Co-Produktion mit dem Depot Dortmund noch einige tragische Überraschungen parat. Willkommen in der Great Democracy Show – It´s unbelieveable!
 

Aktuelle postmoderne Gesellschaftsfragen und spannende wie aberwitzige Wendungen machen THE GREAT DEMOCRACY SHOW zu einem echten Theater-Happening. Am 28.02. 2015 wurde das Kollektiv Sir Gabriel Dellmann für das Stück im Dortmunder Depot mit dem Petra Meurer Theaterpreis ausgezeichnet (Hauptpreis, dotiert mit 1000€).

6. (Köln-Premiere), 7., 8., 9. und 10. März 20h
Studiobühne Köln
 

 

 

 

 


Fotos:

(c) DW-Fotografie Daniel Wechsler

Gefördert durch das Kulturbüro der Stadt Dortmund, das NRWKultursekretariat, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, die Stadt Bochum, die Stiftung Kulturhauptstadt RUHR.2010, den Fonds Soziokultur, die Bezirksregierung Arnsberg und das Kulturamt der Stadt Köln.

 
 

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.

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