Tanzbare Fremdkörper im öffentlichen Raum: „Cairography“

Ein inszenierter öffentlicher Raum bildete die Verständnis- und Empathiegrundlage bei "Cairography". / Foto: Didi Stahlschmidt

Ein inszenierter öffentlicher Raum bildete die Verständnis- und Empathiegrundlage bei „Cairography“. / Foto: Didi Stahlschmidt

 

Lautes Strassengewirr, Hupen, Sirenen heulen auf, ein Kind schreit, zwei Strassenverkäufer verhandeln lautstark und trotz all dieser Eindrücke und ungewohnten Sinneserlebnisse fällt eins auf, stört sogar bei der Betrachtung. Im Film ist ein Mann zu sehen, der augenscheinlich in dem wuseligen Treiben ein Problem hat: das Problem, berührt zu werden. Er bewegt sich im Stakkato-Stil, mal schleichend, mal abgehackt, mal wild gestikulierend, mal schüchtern eingefroren. Ein Fremdkörper in der öffentlichen Wahrnehmung und Bewegung.

Es ist Mittwochabend, kurz nach 20 Uhr im Schauspielhaus Dortmund. Auf dem Spielplan steht das Gastspiel „Cairography“ als Tanzperformance mit medialer Einbindung. Nach der Einlasskontrolle am Studio und der Separierung nach Geschlechtern beim Betreten des Saals läuft ein unkommentierter Film der des bunte wie geräuschgeladene Treiben auf den Strassen Kairos zeigt. Die Zuschauer sitzen frontal oder seitlich der großen, flimmernden Leinwand, größtenteils auf dem Boden. Der Raum ist sonst leer, nur mittig befindet sich in rechteckiger U-Form ein mit weißem Klebeband markierter Bereich. Das war’s. Keine Gespräche. Keine Ahnung, was einen erwartet oder erfährt.

Dann betritt Mohammed Fouad den Leerraum um das weiße Rechteck und spricht arabische Wortfetzen in ein Mikrofon. Das Intro der Inszenierung war der Filmausschnitt, gedreht mit versteckter Kamera oder Smartphones im öffentlichen Raum der Metropole Kairo. Seine Übersetzung der Wörter wie „ich eile. ich hetze. falle. steige auf.“ werden auf die Leinwand projiziert und nach dem kurzem Zwischenspiel läuft die nächste Filmsequenz. Dann Ruhe. Eine Stimme aus dem Off ertönt und fordert alle Besucher auf, sich zu erheben und in die auf dem Boden markierte Fläche zu stellen. Hier bricht zu ersten Mal das Setting auf und man wird zum Teil der Inszenierung. Nach kurzen tänzerischen, wortlosen Einlagen von Foud nimmt er sich nach und nach scheinbar wahllos Personen aus dem Publikum und platziert sie im Mittelraum verteilt. Es macht den Anschein, als wollte er eine Situation im öffentlichen Raum nachstellen, die auch die Unterschiede zwischen den Rechten von Männern und von Frauen im arabischen Kulturverständnis mit sich bringen. Die Stimme auf dem Off zählt dazu die Ver- und Gebote für das Verhalten und die Kleidung von Frauen in der Öffentlichkeit auf. Es macht sich eine bedrückende Stimmung breit, die Nachdenklichkeit wie Unverständnis mit sich bringt. Kurz danach stehen immer noch die wenigen Auserwählten im Zentrum des Raums – und langsam bringt sich eine weitere Protagonistin ein und für einige im Publikum erschließt sich erst jetzt allmählich die Inszenierung. Denn nun tanzen Dalia Naous und Mohammed Fouad so ausdrucksstark wie einfühlend um die Platzierten und performen den Ansatz zwischen persönlicher Nähe, persönlichem Raum und dem Eindringen in selbigen.

Ein unkommentierter Film, der den wuseligen Alltag auf den Straßen Kairos zeigt. / Foto: Didi Stahlschmidt

Ein unkommentierter Film, der den wuseligen Alltag auf den Straßen Kairos zeigt. / Foto: Didi Stahlschmidt

Zusammen mit der audiovisuellen Künstlerin Kinda Hassan präsentiert die Choreografin Dalia Naous „Cairography“ – eine Tanzperformance, die die bewusste und unbewusste Beteiligung ihrer Akteure am Prozess der Zensur des öffentlichen Raums in Kairo zu enthüllen versucht. Dabei werden Möglichkeiten erforscht, diese Zensur zu konfrontieren. Zwei Jahre nach Beginn einer zunehmenden Militarisierung Ägyptens versuchen die beiden Künstlerinnen den Überlebenskampf der Kairoer Bürger im öffentlichen Raum zu thematisieren. Diese führte nun an diesen Abend dazu, dass das künstlerische Trio seine Gesamtinszenierung auf das Format des arabischen Kulturfestivals „HUNAK“ übertrug und somit einen höchst spannenden Stilmix aus Tanz und Video erschaffte.

Kommunikation funktioniert auch ohne Sprache

„Unser Haus steht nun mal für Diversitäten im Spielplan, und im Festival-Kontext ist dieses Format wunderbar – und macht wirklich viel Spass“, so Michael Eickhoff, Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund. Ihm ist der kulturelle wie gesellschaftliche Zusammenhang ebenso wichtig wie der künstlerische, der gerade das ästhetische Erlebnis der arabischen Kultur so wunderbar abzeichnet.

„Es bedarf nicht immer der Sprache, um sich auszudrücken. Hier ist es die Form des arabischen Tanzes, die uns die Kultur und die Gefühle näher bringt“, erklärt Eickhoff. Er begleitet und berät das Team um „Cairography“ und war an diesem Abend, eher ungewöhnlich für ihn, im Publikum und somit Teil der Show. So wie alle anderen, teils irritierten, teils faszinierten und durchweg am Format interessierten Besucher dieses einzigartigen Theaterabends am Schauspielhaus Dortmund.

Abgerundet wurde das Format mit einem zweisprachigen KünstlerInnen-Gespräch mit dem Publikum, wo Nachfragen beantwortet oder Meinungen eingefangen wurden. Hier offenbarte sich auch die Gefährlichkeit der Live-Inszenierungen in Kairo, die jeder Zeit von der Polizei hätten gestoppt werden können. Doch der Rote Faden ist und bleibt die Abhandlung des Verhaltenskodex im öffentlichen Raum, der mit seinem ganz speziellen Code programmiert scheint und zugleich durch diese Performance aufgebrochen wurde.

Ein höchst interessanter wie facettenreicher Abend mit dem Einblick in arabische Verhaltensmuster und dem Ausblick auf die anstehende Performance am Wochenende im öffentlichen Raum in Dortmund – denn bei genauer Betrachtung sind die Räume identisch aufgestellt.

Mohammed Fouad bei der Aufführung. / Foto: Didi Stahlschmidt

Mohammed Fouad bei der Aufführung. / Foto: Didi Stahlschmidt

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Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.