Szene Deutschland: Sascha Bisley unter Junkies und Hooligans

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Autor, Blogger, Filmemacher: Sascha Bisley / Foto: Klaus Hartmann für LJOE

Wer Sascha Bisley auf Facebook folgt, und das sind mittlerweile über 4000 Personen, der hat mitbekommen, dass der Dortmunder Autor und Filmemacher in den letzten Wochen ziemlich umtriebig war. Jetzt hat er sein neuestes Projekt gelüftet: Zusammen mit dem Spiegel hat er für ZDF Info eine Dokuserie produziert.

„Szene Deutschland“ heißt sie. Am 24.06. gibt es die Erstausstrahlung der Folge mit dem Titel „unter Junkies“, in der es ausschließlich um den Konsum von Heroin geht. Am 5. Juli folgt dann „unter Hooligans“, eine Dokumentation über Fußballgewalt, welche angesichts der Ereignisse in Frankreich nicht aktueller sein könnte.
Sascha Bisley: geläuteter Straftäter, jetzt Referent beim Innenministerium für Gewaltprävention, Filmemacher, Blogger und Lesebühnen-Autor. Bisley hat mit Fernsehen und Medien in letzter Zeit viel zu tun gehabt. Eine eigene Sendung aber ist eine ganz neue Herausforderung. In seinen beiden 45 Minuten Dokuserien führt er uns tief hinein in die dunklen Szenen Deutschlands. Ein ganzes Jahr Vorbereitungszeit, keine Vorgaben, kein Skript: Das ZDF hat ihm völlige Freiheit eingeräumt und ihm mit Jasper Engel einen Top-Kameramann sowie ein hochprofessionelles Team zur Verfügung gestellt. Dabei heraus kam eine Doku, wie sie im deutschen Fernsehen nicht oft zu sehen sein wird. Bisley selbst verabscheut das Bloßstellen von Personen im TV, daher wollte er nicht von oben in die dunkle Kiste gucken, um zu sehen was drin ist – er weiß, was darin ist und will von drinnen heraus berichten. In Hamburg ging er mit Heroinabhängigen auf Besorgungstour und begleitete sie durch ihren Alltag, in Berlin ließ er sich in die Hooligan-Szene einschleusen. Bei einem Besuch bei dem Autor bekamen wir einen ersten Einblick in das Format und können euch versichern: Es ist sehr hochwertig. Ein Interview mit Sascha Bisley:

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Sascha, deine erste Folge trägt den Titel „unter Junkies“. Hast du dich in die klassische Heroinszene eingeschleust?

Bisley: Genau, denn Heroin ist immer noch die Droge der Aussätzigen und Ausgestoßenen. Es ist keine Party – oder Designerdroge, eigentlich also eine Droge, die gar nicht mehr in unsere Zeit passt. Genau das fand ich so interessant, deshalb wollte ich das unbedingt machen. Heute ist alles schneller, höher, weiter, Kokain ist da ganz vorne mit dabei, ebenso Amphetamine. Da fällt Heroin im Jahr 2016 ziemlich aus der Zeit. Wieso gibt es immer noch Heroinabhängige? Ich bin also nach Hamburg und habe viel Zeit mit Heroinabhängigen verbracht, sie begleitet, ob beim Drogen organisieren oder in der Bewältigung ihres Alltags. Anfangs war mir schon komisch zumute: Ich habe damals im Gefängnis selbst einmal Heroin gespritzt bekommen, vor einer direkten Konfrontation damit habe ich unglaublich Respekt gehabt.

Wie bereitet man so etwas eigentlich vor?

Bisley: Vorbereitet wird das Ganze vor allem über die Kontaktmöglichkeiten meiner Produktionsfirma Spiegel TV Infotainment, die über ein riesiges Register an Autoren und Kontakten verfügen. Das hat mir die Tür geöffnet zu ganz vielen verschiedenen Drehorten, wie z.B. in einer Diamorphinpraxis in Berlin, in der kontrolliert Heroin verabreicht wird, sowie zu ganz tollen Interviewpartnern, die auch Bock drauf haben, mit einem Kamerateam herumzulaufen. Ist jetzt bei Junkies oder Hooligans auch nicht so ganz selbstverständlich.

Bei Junkies kann ich mir schon vorstellen, dass man über Einfühlvermögen und Streetwork-Erfahrung einen Zugang bekommen kann. Eine Hooligan-Szene erscheint mir da geschlossener. Eine Szene, die sich bewusst und extrem nach außen abschottet. Wie bekommt man denn zu solchen Szenen einen Zugang und wie gefährlich kann das werden?

Bisley: Erst einmal über die absolute Bereitschaft, den Leuten versichern zu können, dass mit dem Material professionell umgegangen wird und dass wir kein, mit dem erhobenen Zeigefinger auftauchendes Kamerateam sind, die einfach nur ein paar Freaks zeigen wollen, die sich am Wochenende die Fresse einhauen. Das wäre so die standarisierte Herangehensweise des deutschen Fernsehens: Guckt mal, alle böse, jetzt habt ihr´s mal gesehen. In unserem Falle hat der Moderator, als ich, selbst Gewalterfahrung und ist jemand, der nicht von oben herab auf die Sache schaut, sondern ist mit euch da mitten drin ist und vieles auch nachvollziehen kann. 
Aus Schutz der Betroffenen kann ich hier nichts zu unseren Kontakten sagen. Da wir die ganze Zeit ein sehr kleines Team waren, konnten wir aber ziemlich nah an die Leute ran, in unserem Falle in Berlin. Dass das nicht immer angenehm war, wenn man z.B. vor dem Olympiastadion in einem Pulk von ehemaligen Hertha-Kloppern steht, die nicht alle so begeistert sind, wenn einer ihrer Kumpels plötzlich ein Kamerateam mitbringt, kannst du dir ja vorstellen. Die haben halt auch ihre Erfahrungen mit der Presse gemacht und ihre abwertenden Reaktionen sind auch nachvollziehbar. Wir haben es aber anders gemacht. Die Folge ist extrem gut geworden, ich bin sehr zufrieden.

Kein erhobener Zeigefinger bedeutet zeitgleich ein Hinterfragen nach den Beweggründen solchen Verhaltens.

Bisley: Richtig. Ich wollte eines in der Folge deutlich machen: Was machen die eigentlich, warum machen sie es und wie machen sie es? Welche Triebe hat der Mensch, wo bleibt das sich erleben? Zweikämpfe sind in der heutigen Gesellschaft völlig weggefallen, dieses ungefilterte Gegenüberstehen. Wir hatten ständig die Frage im Hinterkopf: Was passiert da wirklich?

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Sascha Bisley im Interview mit LJOE / Foto:Klaus Hartmann

Sascha, du hast deine Vergangenheit hinter dir gelassen und arbeitest seit 20 Jahren an deinem neuen Leben. Trotzdem zieht es dich anscheinend immer wieder zurück zu den alten Geistern: Gewaltbereite Schläger und Drogen.

Bisley: Mein Interesse an solchen Szenen, an den dunklen und nonkonformen Dingen, ist ungebrochen. Ich habe immer in den dunklen Seen gefischt, dass wird sich auch nicht ändern. Ich glaube aber auch, dass das für mich immer noch eine Art Therapie ist. Wenn ich an meine alten Knast-Kumpels denke, dann waren viele dabei, die ihre Gespenster für immer im Keller eingesperrt haben und alles verleugnen, was früher passiert ist. Bei mir funktionierte das nicht. Ich will das auch gar nicht vergessen. Mir geht es besser, seitdem ich damit in die Öffentlichkeit gegangen bin, auch wenn ich nicht unbedingt für immer und alle der Knast-Bisley bleiben will.

Wenn man in solchen Szenen beheimatet ist, erscheinen einem dann andere Szenen in Deutschland nicht viel absurder? Könnte man Bisley auch mal in einen Kleingartenverein einschleusen?

Bisley: Ich finde, das liegt gar nicht so weit auseinander. Die von mir erwähnten Szenen sind ja meist gar nicht die dunkelsten. Es kommt immer auf die Perspektive an. Ich finde das alles gar nicht so schlimm, was ich da zeige und ich mag es nicht, wenn Menschen ständig Wertungen vornehmen. Was für jemand anderen die Welt ist, kann für dich nicht der Müll sein, verstehst du? Wenn es richtig dunkel werden soll, dann müsste ich wohl in den Bundestag gehen.

Sind nach den ersten beiden Sendungen denn noch weitere geplant?
Bisley: Definitiv. Über den Inhalt darf ich allerdings noch nichts sagen.

Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Sendetermine ZDF Info:

Freitag, 24. Juni 2016, 14.20 Uhr
Mittwoch, 29. Juni 2016, 21.00 Uhr
Dienstag, 5. Juli 2016, 3.30 Uhr
Mittwoch, 6. Juli 2016, 14.00 Uhr
Freitag, 22. Juli 2016, 10.30 Uhr
Samstag, 23. Juli 2016, 8.30 Uhr
Mittwoch, 10. August 2016, 21.00 Uhr

Szene Deutschland – Unter Junkies
mit Sascha Bisley

Dienstag, 5. Juli 2016, 1.15 Uhr
Samstag, 9. Juli 2016, 7.45 Uhr
Samstag, 23. Juli 2016, 7.45 Uhr

Szene Deutschland – Unter Hooligans
mit Sascha Bisley

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alle Fotos: Klaus Hartmann (Nordstadtblogger.de) für LJOE

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.

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