Rock’n’Roll – Das wilde Leben?

Von links: Scott, Anthony, Kyle (3 der 5 Growlers) und ihr Tourmanager Dr. Kiko im Sommer 2014 in Bremen. / Foto: Matt Taylor

Von links: Scott, Anthony, Kyle (3 der 5 Growlers) und ihr Tourmanager Dr. Kiko im Sommer 2014 in Bremen. / Foto: Matt Taylor

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass Musiker ein wildes Leben haben, sozusagen das Extrem der Künstlergattung darstellen. Sie touren viel herum und machen jeden Abend Party – denkt man jedenfalls. Und die Härtesten der Harten, die, die jeden Tag (und vor allem die Nacht) begehen, als gäbe es kein Morgen mehr, das sollen ja angeblich die sein, die ganz grob gesprochen „Rockmusik“ machen.

Maßgeblich fußt diese Vorstellung wohl in den rauschenden Geschichten über Bands wie den Rolling Stones und ihren Zeitgenossen. Das beeinflusst diejenigen, die Musik vorwiegend konsumieren genauso wie die, die sich hauptberuflich schöpferisch mit ihr beschäftigen. Aber die Rolling Stones sind in die Jahre gekommen und nicht mehr so wild drauf, wie sie es dereinst mal waren. Viele jüngere Bands sind vernünftig geworden, schon beinahe handzahm – nicht zuletzt als Reaktion auf die Entwicklungen in der Medien- und Nachrichtenkultur. Man kennt das Klagelied vom zurückhaltenden Promi bestens aus dem Fußball, wo die Spieler sich kaum noch an die Öffentlichkeit trauen, weil der kleinste Fehltritt schon garantiert von irgendeiner Person mit dem Handy festgehalten und veröffentlicht wird. Und Boulevardmedien bieten diesem Denken auch noch eine Plattform (Stichwort „BILD Leserreporter“) und fördern es auf diese Weise. Dass selbst diejenigen, die  eine „yolo“-Attitüde vertreten, darauf entsprechend reagieren, ist vermutlich zuvorderst dem Umstand geschuldet, dass sie mit diesem medialen Veränderungsprozess gewachsen sind. Sie wissen, was ein Shitstorm ist, wie groß er werden und was für eine Wucht er entwickeln kann. Deshalb, und weil heute im Gegensatz zur golden era of rock nicht mehr jeder Veranstalter/Promoter seine Acts mit Drogen versorgt, konzentriert sich vieles von dem, was Fans von ihrer Band erwarten, auf den Bereich, in dem man es sehen kann: Die Bühne (oder Musikvideos). Denn wie auch immer eine Band drauf sein mag, auf der Bühne muss sie neben der Musik auch den dazugehörigen Lifestyle inszenieren, sonst verliert ihre Musik an Wirkung.

Worin besteht die Wirkung von Rockmusik auf den Zuhörer? So wagemutig es ist, ein ganzes Genre über einen Kamm zu scheren, eine Gemeinsamkeit gibt es immer: Das Wilde, Freie, Ekstatische. Es sind gerade diese Lebenskomponenten, nach denen Menschen jeden Alters sich so oft sehnen, wenn der Alltag mal wieder Überhand zu nehmen scheint. Diese bedient Rockmusik, in ihr darf man sich für eine kurze Zeitspanne so frei fühlen, wie man es eben gerade braucht. Erst recht zündet dieser Effekt natürlich, wenn die Musik live mit Leben erfüllt wird, wenn die Musiker auf ihre Drums einhämmern, sich die Hände blutig spielen und schwitzend mit verzerrtem Gesicht ihre Botschaft dem Mikrofon übergeben. Würde eine Band nicht im Einklang zu ihrer Musik auftreten, der Kontrast wäre die maximale Entzauberung. Und hier lässt sich schon erahnen: Was super entspannt und nach einem beneidenswerten Leben klingt (das scheinbar unveränderliche Image des Musikers), ist auch sehr, sehr anstrengend. Es ist nämlich beileibe nicht jeder dafür gemacht, so durch die Welt zu marodieren und auch dann einen auf wild und ausgelassen zu machen, wenn man Schlafentzug, brüllende Kopfschmerzen oder Streit mit dem zuhause sitzenden Partner hat. Erst recht nicht, wenn die Jahre ins Land ziehen und der Körper von sich aus auf sein fortschreitendes Alter bemerkbar macht.

Wie funktioniert Rock’n’Roll in einer Band?

Das in der Öffentlichkeit ruhigere Auftreten macht das Leben von Rockmusikern aber noch lange nicht langweilig, es ähnelt in manchen Punkten nur etwas mehr dem, das viele von uns führen. Dennoch gibt es sie natürlich noch immer, die wilden und schillernden Bands und eine von ihnen (die Kalifornier The Growlers) habe ich inzwischen gut genug kennengelernt, um mir die Rock’n’Roll-Fantasie mit der Realität abzugleichen. Bei der surfigen, bisweilen leicht verträumten Musik der Growlers denkt man im ersten Moment gar nicht an Rock’n’Roller. Allerdings sind sie ziemlich genau das – was sich gar nicht mal unbedingt in allabendlichem Abschuss und ausgelassener Feierei manifestiert, sondern vielmehr darin, dass jeder tut, was er will und jeder auch jeden tun lässt, was dieser will.

Ihr Tourmanager Dr. Kiko hat mir gegenüber schon oft bekräftigt, dass er noch nie mit einer so anstrengenden Band unterwegs war – und trotzdem liebt er sie über alles, weil sie nunmal liebenswert sind. Es ist ja nicht so, als würden sie sich bei ihren Handlungen denken „Und nach mir die Sintflut“, sondern vielmehr sind sie wie 30-jährige Kinder, die einfach nicht darüber nachdenken wollen, was es beispielsweise bedeutet, wenn man bis morgens um 9 feiert und um 18 Uhr schon wieder in irgendeiner anderen Stadt auf der Bühne stehen muss. Für den Tourmanager ist das natürlich der absolute Horror, schließlich ist es unter anderem seine Aufgabe, jeden Tag dafür zu sorgen, dass alle rechtzeitig aufstehen und sich für die Fahrt zum nächsten Gig versammeln. Andererseits gab es auch schon Abende – wie beispielsweise in Stuttgart, wo unter der Woche aber auch wirklich überhaupt nichts los war – an denen man einfach nur im Hotel zusammensitzt. Mal im Zimmer des einen, dann im anderen, anschließend wieder zurück im ersten. Und immer unter dem Vorsatz: Das geht so weit, dass neulich nach einem Konzert in Rotterdam einer von ihnen nachts sogar noch nach Amsterdam fuhr – und trotzdem am nächsten Morgen pünktlich am Flughafen war.

Dieses Gefühl von Freiheit, das dadurch entsteht, dass es in diesem Mikrokosmos keine oder nur minimale Handlungsrichtlinien gibt, ist das, was viele sich beim Hören von Rockmusik für ein paar Minuten herbeisehnen und wovon sie hoffen, dass wenigstens diejenigen, die solche Musik machen, es auch leben. Das tun manche mehr und andere weniger, ihnen allen aber hilft es, zumindest ein wenig Rock’n’Roll zu sein; Authentizität ist wichtig für die Wirkung und lässt sich zwar herstellen, aber es ist wesentlich einfacher, sie schlicht zu haben. Wir anderen können uns daran erfreuen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben so leben, wie wir es manchmal gerne würden und uns einen Moment lang die Welt wieder verzaubern. Menschen, die das gar nicht so zielgerichtet machen, sondern einfach nur so sind, wie sie sind und da gelandet sind, wo man auch genau so sein darf (soll). Und die daran nicht einmal verdienen – sie machen es schlicht und ergreifend, weil sie das Rock’n’Roll-Leben lieben.

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.