Nordstadt-Bars lassen das Kreuzviertel weit hinter sich

Parties, Konzerte, DJ Sets: Damit können die Nordstadt Szene-Bars punkten / Foto: LJOE (Alex Sound aus Teneriffa bei einer Session im FINK)

David gegen Goliath? Die Nordstadt-Szenebars lassen die vielen Kneipen im Kreuzviertel beim aktuellen Kronen 2015 Voting weit hinter sich. 

Es liegt mir fern, hier näher auf Werbeaktionen lokaler Bierproduzenten einzugehen. Bier war schon immer eine extrem regionale Angelegenheit, in kaum einer anderen Branche ist die Bindung von Konsument und Produkt so stark wie in der Bierdistribution. Nordische Biermarken verlosen dazu Strandkörbe an seine Kunden, in Dortmund sorgt KRONEN dafür, dass 111 mit Bier gefüllte Bollerwagen am Vatertag den Westpark in eine Vorhölle aus Ballermann und Bierdunst verwandeln. Nicht weiter verwunderlich, dass die Kronenbrauerei alle Dortmunder dazu aufrief, ihre Szeneorte in den Bereichen  „Bester Kiosk“, „Beste Kronen Kneipe“ und „Beste Pommesbude“ zu nominieren. Von allen von euch vorgeschlagenen Orten gibt es nun eine Top Ten Liste, aus der ihr bis zum 28.06. die jeweilige Nummer Eins voten könnt. Und gerade diese Top Ten Liste der Dortmunder Kneipen fördert erstaunliches zutage: Das so hochbeschworene Dortmunder Kreuzviertel mit seinen vielen Szene-Lokalitäten ist auffällig wenig vertreten. Dafür sind die Szene-Bars der Nordstadt auf der Überholspur.

Wir haben es mal probiert: knapp 20 beliebte und trendige Bars fallen uns spontan im Kreuzviertel ein – in der Nordstadt hingegen sind sie tatsächlich nur an einer Hand abzuzählen. Und dennoch sind direkt drei der insgesamt zehn nominierten Bars aus Dortmunds Nordstadt. Es handelt sich um das subrosa, das Sissikingkong und das FINK, welches unter Betreiberin Kati Eilinghoff auf dem Problemkiez Nordmarkt für viele Leute eine echte Oase mit Biergarten, tollen Parties und abgefahrenen Konzerten ist. Aus dem beliebten Kreuzviertel finden sich in der Top Ten Liste nur müde zwei Kneipen wieder: Kumpel Erich und das Allegro. Alle renommierten Namen zwischen Balke und Kraftstoff gingen bei den Nominierungen leer aus. Dafür schaffte sogar Georg´s Klause in Aplerbeck den Sprung in die zehn besten Kneipen der Stadt. Wie kommt es also, dass die pure Masse an Kneipen der westlichen Innenstadt nicht Dortmunds Top Ten Liste fluten konnte?

"Wenn alle weggehen würden, würden die Zombies gewinnen" - Kati Eilinghoff betreibt mit viel Liebe das FINK auf dem Nordmarkt / Foto: Alexander Hügel

Kati Eilinghoff betreibt mit viel Liebe das FINK auf dem Nordmarkt / Foto: Alexander Hügel

Wer um zwölf Uhr aus einer Bar im Kreuzviertel tritt, findet sich oft in Ödnis wieder

Wohlgemerkt, es waren eure Nominierungen, die eingereichten Vorschläge kamen allesamt und nur vom Dortmunder Kneipenpublikum. Vielleicht zählen selbst in solch einem medial aufgeblasenem Voting andere Dinge, als das bloße Versorgen von allabendlich Suchenden mit Alkohol und Fußballübertragungen. Die Szenetreffs der Nordstadt bieten ihren Besuchern eine erlebbare Authentizität, welche Urbanität und Kultur zum Anfassen vermittelt. Die in einem anderem Artikel von mir beschriebene Superkompression, die auf den Straßen der Nordstadt Dichte, Chaos und koexistente Lebensentwürfe entstehen lässt, sorgt auf der anderen Seite für kreativen Raum, gastronomisches Überlebenspotential und ein pulsierendes Leben, wie man es anderenorts niemals finden könnte. Wer um zwölf Uhr aus einer Bar im Kreuzviertel tritt, findet sich oft in Ödnis wieder, während im Norden Konzerte, Barleben und Parties sich scheinbar fließend ergänzen. Diese Identifikation war am Ende wohl ausschlaggebend, dass sich viele Tresengäste der Nordstadt dazu berufen fühlten, ihre Lieblingsorte in dem Voting zu nominieren. Die Auflösung der Anonymität und das Erleben von Szene und Kiez erweist sich als weiterer Vorteil, wenn es darum geht, seinen Lieblingsort bei solch einer Aktion zu unterstützen. Bis zum 28.06. könnt ihr dies noch tun. Eine Nordstadt-Bar auf Platz eins, das wäre doch mal was:
Hier geht es zum Voting.

 

 

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.