Nicht jede Form des Protests ist angemessen

Zum Ende hin gab es einige hektische Momente. / Foto: Florian Kohl

Zum Ende hin gab es am Montagabend einige hektische Momente. / Foto: Florian Kohl

Am Montag präsentierte Dortmund sich bei der Gegendemo zu einer Nazi-Kundgebung mal wieder von seiner besten Seite. Nur die Gewaltbereitschaft einiger Gegendemonstranten trübte das Bild – und förderte ein altbekanntes internes Problem der politischen Linken zutage.

Warum die politische Linke so ein schlechtes Standing in der „gemäßigten“ oder „normalen“ Bevölkerung hat, konnte man am Montagabend in Dortmund sehen. Dort war als Reaktion auf eine (in den scheinheiligen Deckmantel der Asylkritik gekleidete) Nazi-Kundgebung in aller Eile eine Gegendemonstration von letztlich beachtlichem Ausmaß auf die Beine gestellt worden. Dem Engagement der Initiatoren und der Bereitschaft der an die tausend dem Aufruf gefolgten Menschen war es zu verdanken, dass die Rechten mit ihren vielleicht 60 Mann erst ihren Veranstaltungsort verlegen mussten (weil der ursprüngliche bereits blockiert war) und dann umringt von Gegendemonstranten ein klägliches Bild abgaben.

Geschickt wurde die Menschenmenge immer wieder so koordiniert, dass sie von der Polizei nicht eingekesselt werden sondern sich einigermaßen frei entfalten konnte. In Sachen Organisation muss man die Antifa wirklich beglückwünschen, ohne sie wäre es nicht nur anders abgelaufen – ohne sie wäre die Gegendemo, wenn es sie überhaupt gegeben hätte, wohl deutlich kleiner ausgefallen.

So viel an deutlichem Applaus für den linken Rand, die Kritik kann trotzdem nicht ausbleiben. Denn die Vermummten, die von Anfang an dabei waren, besonders aber gegen kurz nach 20 Uhr den Westenhellweg aus Richtung Bahnhof dazustießen, wirken auf viele Menschen bedrohlich. Das soll sicherlich auch so sein (abgesehen davon, dass die Vermummung natürlich dazu dient, weder von Rechten noch von der Polizei identifiziert werden zu können), trägt aber maßgeblich dazu bei, der politischen Linken in der Bevölkerung die Unterstützung zu entziehen. Viel schlimmer und der Reputation noch sehr viel schädlicher ist aber die Gewaltbereitschaft und die Umsetzung selbiger. Das Durchbrechen der Polizeikette und Stürmen der Nazi-Demo durch Antifas bescherte der gesamten Linken in einigen Livetickern schon negative Schlagzeilen – dem Bild der antidemokratischen Gruppierung, die nur auf Krawall aus sind, kann man so nicht entgegenwirken. „Die sind fast noch schlimmer als die Rechten“ ist dann der nicht nur hinter vorgehaltener Hand geäußerte O-Ton der „besorgten Bürger“. Und als dann die Rechten ihre Demo beendet und das eine Auto, das sie hatten, von der Polizei hinauseskortiert werden sollte, nutzte die Antifa die Dynamik der Situation – Flaschen und Steine flogen (keiner der Werfer konnte dabei sicher sein, ob er Polizisten, Rechte oder Gegendemonstranten treffen würde), das übliche Gerangel mit der Polizei wurde gesucht, Polizeiautos wurden beim Rückzug demoliert. Abgesehen davon, dass Gewalt gegen den Staat ausschließlich Nachteile mit sich bringt und auch nicht legitim ist, war dieser Teil des Abends weniger ein Epilog zur Gegendemo (die Rechten waren schließlich schon längst weg) sondern vielmehr eine neue Veranstaltung.

Nichts, was im Laufe dieses Abends geschah, war überraschend. Wer die politische Linke nicht nur aus Medien kennt, konnte schon früh erahnen, was noch passieren würde. Und es war auch nicht besonders bedrohlich oder so hochgradig aggressiv, wie manche Schlagzeilen es im Nachhinein vermutlich nahelegen werden. Aber es wäre einfach nicht nötig gewesen. Und ratsam war es auch nicht, denn solche Aggressionen sind für viele Menschen bezüglich ihrer tatsächlichen Bedrohlichkeit schwer einzuschätzen und verängstigen deswegen. Was diese Angst mit Menschen macht, ist leicht ersichtlich: Sie treibt einen unüberwindbaren Graben zwischen die gesellschaftliche Masse und die politische Linke. Und das alles nur, weil man seine jahrzehntealte Privatfehde mit dem Kapitalismus, dem Establishment, dem Rechtsstaat und dem staatlichen Polizeiorgan pflegen möchte… Hoffentlich kommen zur nächsten Gegendemo (am Mittwoch, 09.09.) trotzdem wieder genauso viele – oder sogar mehr – Menschen, die zeigen wollen, dass Rechte in unserer Gesellschaft unerwünscht sind.

Eines von mehreren beschädigten Einsatzfahrzeugen der Polizei. / Foto: Florian Kohl

Eines von mehreren beschädigten Einsatzfahrzeugen der Polizei. / Foto: Florian Kohl

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.