New Yorks Graffiti Mekka wird unter Polizeischutz weiß gestrichen

Da staunten die Fahrgäste der New Yorker Subway Linie 7 nicht schlecht, als sie wie jeden Morgen an der öffentlichen Aerosol-Art Ausstellung 5Pointz vor den Toren Manhattans vorbeirauschten: Viele Bilder des Graffiti-Mekkas waren über Nacht unter blankem Weiß verschwunden. In dunkler Nacht und unter Polizeischutz begannen die ersten Umbauarbeiten an dem alten Warehouse, um die weltbekannte Graffiti Open Air Ausstellung demnächst in eine 400 Millionen Dollar schwere Luxusherberge für zahlungskräftige Mieter zu verwandeln. Viele New Yorker sind empört. Nur einige Sprayer bleiben entspannt.

5Pointz, das sind 19.000 Quadratmeter professionelle Sprayer-Kunst. Seit 1993 wurde der leerstehende Gebäudekomplex erst als Phun-Phactory und wenig später als 5Pointz bekannt. Als New Yorker Graffitis und Tags im Zuge der Clean Train Ära von den Subway-Wagons auf den öffentlichen Beton wechselten, bot die Initiative Graffiti Terminators unter Pat DeLillo den Farb-Vandalen das Warehouse als legale Fläche für ihr Treiben an. Der Coup gelang: Graffiti war längst durch erste Galerien und Ausstellungen salonfähig geworden, nur auf der eigenen Hauswand wollte man die Kunst (noch) nicht haben. Da kamen die legalen Wände von 5Pointz gerade richtig, für die Sprayer wie auch für die Anwohner. Angezogen von kommerziellen Reizen verwandelten sich die Buchstaben der Tags über die Zeit in figurative Gemälde. Viele Künstler gaben sich nach wie vor gern den Anstrich der Straße, zogen aber ein fein eingerichtetes Street-Art Studio als Kreativschmiede dem nächtlichen Vandalismus vor. Am Ende zierten im Studio oder am Laptop entstandene Werke eine legale Wand wie die von 5Pointz. Viele sahen diesen Weg als entkriminalisierte Eintrittskarte in die Galerien der Hauptstädte.


Ein Graffiti auf 5Pointz unterlag strengen Regeln: Werke durften weder politisch noch religiös motiviert oder pornografisch sein. Außerdem musste jedes Werk vorab bei Kurator Meres angemeldet, die Vorlage gesichtet und am Ende zugelassen werden. Der Platz, an dem das Bild entstehen sollte, wurde auch von Meres zugewiesen. Anders ausgedrückt, 5Pointz brach so ziemlich mit allem, was die eigentliche Kultur von Graffiti ausmacht: Spontanität, Egalität, Anti-Autorität. 



Dieses gezähmte Kunst-Biest gefiel den New Yorkern und den Touristen aus aller Welt. 5Pointz wurde 20 Jahre lang ein sauberes Street Art Erlebnis zum Anfassen. Viele Sprayer allerdings bemängelten schon lange die Handhabe von 5Pointz. Sie zogen immer noch Adrenalin und nächtliche Attacken durch mit Farbe gefüllten Feuerlöschern dem kalkulierten Treiben auf den legalen Flächen vor. Graffiti und Tags sollten ursprünglich öffentlichen Raum für die zurückerobern, die sonst im öffentlichen Raum allzu oft übersehen werden. Aus der anfänglichen Counter-Bewegung wurde aber wie allzu oft eine gigantische Kommerz-Bewegung und komplexe Bilder, die vor 20 Jahren noch eine Lebenserwartung von nur wenigen Tagen oder gar nur Stunden hatten, hängen heute für alle Ewigkeit in den Yuppie-Wohnzimmern dieser Welt. In diesem Sinne hat das Überstreichen von 5Pointz mit weißer Farbe eigentlich historischen Mehrwert: Es führt den Betrachter des Gebäudes zum ersten Mal seit 20 Jahren zurück zum Ursprung des Graffiti. Das Verschwinden führt uns die ursprüngliche Vergänglichkeit urbaner Kunst wieder vor Augen.


Am allerwenigsten kann man den rechtmäßigen Besitzern des Warehouses einen Vorwurf machen. Immerhin hielt die Wolkhoff Familie 20 Jahre lang den New Yorker Sprayern den Rücken frei und setzte sich auch beim Neubau des Luxuskomplexes für einen angrenzenden Street-Art Bereich mit Galerien und legalen Wänden ein. Die Yuppies wird´s freuen.


 
5Pointz today:
 
photo: Kenny Mondoza via www.mtn-world.com
 

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.

3 comments on “New Yorks Graffiti Mekka wird unter Polizeischutz weiß gestrichen”

  1. Anonymous

    Lieber Autor. Vielen Dank für diesen Artikel. Die Essenz, die ich aus meiner Lesart deines Artikels ziehe ist, dass Graffiti Kunst ist, Kunst die niemand besitzen oder kaufen kann. Sie lebt am und mit dem Puls, nicht nur New Yorks, sondern jeder Stadt, in der Menschen den öffentlichen Raum nach ihren Vorstellungen verändern. Jeder der schon einmal eine „Dose“ in der Hand gehabt hat und nachts unterwegs war weiss, wie kurzlebig diese Kunst sein kann. Und das ist ein Merkmal von Graffiti. Dadurch sind wir alle zu einem Begriff von Graffiti gekommen. Aber die Zeit ist nicht Statisch und auch Graffiti verändert sich. Er wird überformt und transformiert. Und so sitzen Künstler in ihrem Büro und „designen“ diese Kunst. Da kann man nichts machen… Aber (und hier besteht der Wert deines Artikels) erinnerst du uns daran, was Graffiti ursprünglich ist und wie wir den Begriff „Graffiti“ deuten sollten: Als urbane Kunst, die sich zwar in eine Galerie einsperren lässt, doch niemals dort beheimatet ist. Die wahre Heimat von Graffiti ist die Nacht. Und was damit am Morgen danach passiert, ist stets ungewiss… Kai

  2. Bjoern Hering

    Hallo Kai,
    Genau das wollten wir damit zum Ausdruck bringen. Natürlich ist die brutal um sich greifende Gentrifizierung das eigentliche Hauptproblem. Es ist immer schlimm, wenn ein kreativer Raum einem Luxusprojekt weichen muss. Aber so oberflächlich darf man das nicht sehen. Auch die Probleme und Unwahrheiten unter der Oberfläche sind nicht von der Hand zu weisen.

  3. Pingback: Dortmunds buntester Bahnhof - Last Junkies On Earth

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