Hellbraun ist das neue Schwarz

Neues Schwarz, Dortmund, Theke, Kaffee

Die geräumige Theke des Neuen Schwarz. Im hinteren Bereich des Raums wird der Kaffee geröstet. / alle Fotos: Florian Kohl

Kaffee ist für viele von uns sowas wie flüssiges Koks – er befreit uns von Müdigkeit, von Erschöpfung und weckt verloren geglaubte Energiereserven. Auf der Saarlandstraße wird dieser Wundertrank im „Neues Schwarz“ seit diesem Jahr zur Perfektion geführt. Das konnten Kaffeejunkies wie wir uns nicht länger entgehen lassen.

Erst hören wir ein Surren, vielleicht noch das Zischen von Dampf und dann endlich das Plätschern, das uns signalisiert, dass es uns gleich schon viel, viel besser gehen wird. Ob morgens, mittags, abends oder in der Nacht, die meisten von uns trinken Kaffee für ihr Leben gern. Manchmal ist es der kräftige Geschmack, der uns wach macht, noch bevor das Koffein in unsere Blutbahn strömt, um dort den Kampf mit dem Restalkohol oder anderen nachts zuvor eingenommenen Substanzen aufzunehmen. Bei anderen Gelegenheiten wiederum wollen wir nicht mit dem Wassereimer geweckt werden, sondern mit einem sanften Anstupsen, das uns vorsichtig unter die Lebenden zurückholt. Letzteres ist besonders auf Kaffee angewandt eher unpopulär. Entweder muss er bis zur Unkenntlichkeit mit Milch aufgelängt, mit Unmengen von Zucker um seine natürlichen Aromen gebracht oder so schwarz getrunken werden, dass selbst Don Cheadle neben ihm erblassen würde.

Dabei kann dieser Saft aus den Samen der Kaffeepflanze so viel mehr als einfach nur nach „Kaffee“ schmecken. Schuld an unseren heutigen Trinkgewohnheiten ist nicht zuletzt die hinter diesem Produkt stehende Industrie, die mit an Verbrennung grenzenden Röstprozessen (muss schließlich schnell gehen) dem Kaffee seinen allseits bekannten, bitteren Geschmack verleiht. Dass dieses Getränk, dem Millionen von Menschen quer über den Erdball verteilt verfallen sind, aber auch ohne Zusatz von Karamellsirup oder ähnlichem ganz anders schmecken kann, beweisen die in den letzten Jahren vereinzelt aufpoppenden Kleinströstereien. Im März hat auch hier bei uns in Dortmund in der Saarlandstraße 33 so ein Hipster-Mekka eröffnet und wir haben endlich mal die Zeit gefunden, dort unseren Gaumen auf die Probe zu stellen.

Trinkwasserleitung @ Neues Schwarz, Dortmund

Trinkwasser kommt im Neuen Schwarz aus den freiliegenden Kupferrohren – umsonst natürlich.

Das Interieur des Neuen Schwarz gibt auch gleich den Roten Faden vor: Es geht um Naturbelassenheit. Viel helles, nur leicht bearbeitetes Holz, schwarze Schiefertafeln mit Kreideschrift darauf, sprachlich möglichst unprätentiös – stilistisch passt diese Rösterei mit „Verkostungsraum“ bestens in das Saarlandstraßenviertel, das auch Kreuzviertelbewohner ganz entspannt erreichen können, wenn sie sich über die Hohe Straße hinaus trauen. Das Eckcafé präsentiert sich ganz im Stile der modernen Urigkeit in gemütlicher Größe (die obere Etage, die man von außen zu sehen meint, ist wegen ihrer niedrigen Deckenhöhe für die Bewirtung nicht zugelassen).

Die linke Hälfte des Raumes besteht aus der Theke, hinter der auch inmitten von Kaffeesäcken die Röstmaschine steht, an der Benedikt Heitmann jeden Montag ein paar Stunden lang zaubert. Auf dem Weg dorthin kommt man an einem schreinartigen Eckchen vorbei, wo die verschiedenen Kaffees und alles mögliche an Zubehör zum Verkauf bereitstehen. „Seit dem Herbst“, meint Benedikt, „stellen wir fest, dass unsere Einnahmen durch den Verkauf abgepackten Kaffees die durch den Ausschank erzielten zu überholen beginnen.“ Die Vielzahl verschiedener Sorten braucht einen aber nicht sofort zu erschrecken – im Ausschank stehen immer nur zwei Sorten, die regelmäßig ausgetauscht werden. Natürlich gibt’s auch ein bisschen Kuchen von der grandiosen Bäckerei Fischer am Rathaus (muss man gesehen haben!) und schnieke Limos, aber das besondere des Neuen Schwarz ist ganz einfach der Kaffee selbst.

Wenn Kaffee nach Grapefruit schmeckt

Reko-Espresso, Neues Schwarz, DortmundDie meisten werden ja bereits erlebt haben, dass sie vor die Wahl zwischen einem kräftigen, schokoladigen Kaffee und einem blumigen, milden Kaffee gestellt wurden – Benedikt Heitmann und sein Bruder Johannes gehen aber einen Schritt weiter. Sie differenzieren das „blumig“ aus und dann steht da „Bergamotte“, „gelbe Früchte“ oder „Grapefruit“, „Schokolade“, „Nuss“ oder „Karamell“ auf dem Label. Diese speziellen Noten erhielten sie durch die besonders schonende Röstung der Bohnen (bzw. erhalten sie so), erklärt Benedikt uns.

Daher sehen die Bohnen, anders als sonst üblich, nicht wie Schokoladengoodies aus, sondern eher wie Karamellbonbons. „Bei hohen Temperaturen geht die Säure verloren, in der die Aromen transportiert werden und die für den Körper im Geschmack zuständig ist.“ Wir hören interessiert zu, glauben das selbst als passionierte Kaffeegenießer aber nicht so ganz – schwadronieren kann man ja viel, wenn man etwas verkaufen möchte. Aber, kein Scheiß: ist höllisch lecker! Und, fast noch wichtiger, er schmeckt tatsächlich anders, nach mehr als nur Kaffee. Statt gelber Früchte fühlten wir uns zwar mehr an Wurzelgemüse erinnert (was scheußlich klingt, in Wirklichkeit aber überraschend geil ist), aber wir sind ja nicht die Prinzessin auf der Erbse. Und das alles ohne Zucker, den braucht der Kaffee auf einmal einfach nicht mehr.

Völlig entgeistert habe ich sofort ein Päckchen mitgenommen und musste zu Hause feststellen, dass selbst in meiner etwas betagten Bialetti die Andersartigkeit deutlich hervortritt. Seine Wirkung verfehlt der Kaffee übrigens seines milden Geschmacks zum Trotz nicht im Geringsten.

Getränkekarte im Neuen Schwarz, Dortmund

Warum das Neue Schwarz noch nicht aus allen Nähten platzt, lässt sich wohl auf zwei Gründe zurückführen. Erstens ist es dort für hiesige Verhältnisse nicht gerade supergünstig, was allerdings Menschen, die das Saarlandstraßen- oder das Kreuzviertel ihre Hood nennen können, kaum auffallen dürfte. Zweitens, und das ist wohl das eigentliche Problem, ist da diese B54 a.k.a Ruhrallee. Die Saarlandstraße selbst geht zwar noch bis zur Märkischen Straße durch, aber das dazugehörige Viertel endet mit dem hässlichen Telekombau an der B54 – und das Neue Schwarz liegt leider hinter dieser Kreuzung. Es sind im Grunde nur zwei Minuten, aber wer öfter zwischen Ayman’s und Post unterwegs ist, der weiß, dass die B54 die Wirkung einer heruntergelassenen Schranke hat. Dabei muss man einfach nur drübergehen. Das habe er schon ein wenig unterschätzt, meint Benedikt, allerdings sei es auch nicht ihr Ziel, den Laden immer rappelvoll zu haben. „Wir sind eine Rösterei mit Verkostungsraum, kein Café.“ Soll heißen: Auf lange Sicht will sich das Neue Schwarz durch den Verkauf von Kaffeepaketen an Privatleute und Gewerbetreibende finanzieren. Im Moment produziert Benedikt ungefähr eine halbe Tonne Kaffee pro Monat, der dann nach Berlin, Karlsruhe etc. verschickt wird. In Dortmund hingegen ist die Suche nach Abnehmern erstaunlicherweise etwas schwieriger. Hier fehle noch das Bewusstsein für ihre Art des Kaffees, sinniert der Maître de Café. Abgesehen vermuten er und sein Bruder Johannes ihre potenzielle Kundschaft ohnehin vor allem bei den jüngeren Leuten, die beispielsweise bei der Eröffnung eines eigenen Cafés auch mal zwei Mühlen hinstellen, um dem Kunden eine Auswahl zu bieten (eine Annahme übrigens, die sich bislang wohl auch bestätigt). „Wir wollen erreichen, dass die Menschen ein neues Verständnis für Kaffee entwickeln und sich bewusster damit auseinandersetzen.“ Dass sie sich da ganz schön was vorgenommen haben, weiß Benedikt auch. Aber missionieren war wohl selten einfach.

Wer sich also gerne mal seinem Kaffee voll und ganz hingibt (leichter kann man die Welt um sich herum kaum vergessen) und Lust auf eine Exploration der Geschmackswelten hat, sollte diesem Laden wirklich mal eine Chance geben. Und für alle, die danach nichts anderes mehr wollen: Ab sofort kann man sich den guten Stoff auch nach Hause bestellen.

Neues Schwarz, Dortmund

Die Kaffees sind zwar nur teilweise mit dem Bio-Siegel versehen, das bedeutet aber nicht, dass hier nicht nachhaltig angebauter und fair gehandelter Kaffee verarbeitet würde.

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.