Everybody loves to selfie

Ob außer den Köpfen auf dem Foto wohl auch noch Requisite zu sehen ist?

Ob außer den Köpfen auf dem Foto wohl auch noch Requisite zu sehen ist? / Foto: Florian Kohl

Das Selfie ist inzwischen ja so selbstverständlich wie Kaffee und Zigarette zum Frühstück. Ob als Autogrammersatz, als Dokumentation des „ich war hier“-Moments oder als Mittel um anderen mitzuteilen, wie man gerade aussieht (eine meiner Lieblings-Selfiesammelseiten: https://www.facebook.com/Fussballstyler) – everybody does the selfie.

Ebenfalls äußerst beliebt: Sehenswürdigkeiten-Selfies. Wo sich früher im Urlaub immer eine Person erbarmen musste, hinter der Kamera zu stehen und somit auf dem Erinnerungsfoto zu fehlen, kennen wir diese Probleme heute nicht mehr. Dafür ein anderes, und zwar: Wie bekommen wir aus kurzer Distanz mehrere Gesichter UND auch noch einen Großteil des sich hinter uns befindlichen Gegenstands auf das Bild? Bislang war das für Leute, die vielleicht nicht so gerne vor der Kamera stehen, die ideale Gelegenheit, sich „aufzuopfern“. Aber, wie ich neulich erkennen musste: Selbst dafür gibt es heute keine Ausreden mehr.

Neuer Trend in Europas Touristenmagneten: Sammel den Müll auf!

Neuer Trend in Europas Touristenmagneten: Sammel den Müll auf! / Foto: Florian Kohl

Der Grund dafür sind die sogenannten Selfie-Sticks, die inzwischen auf großen, überfüllten Plätzen (am liebsten vor Kathedralen oder ähnlichen monumentalen Bauten) wie Fühler über die Menschenmasse ragen. Lässt man so ein Bild mal auf sich wirken, beginnt es allmählich tatsächlich abstrakt und surreal zu werden. Ganz neu sind die Dinger natürlich nicht, allerdings scheinen sie inzwischen in der Gesellschaft angekommen zu sein. Diese Feststellung erschließt sich mir aus einem ganz simplen Grund, nämlich dass die Straßenverkäufer, die früher zuhauf diese aus Urlauben nahezu jedem geläufigen Armbänder oder Ketten feilboten, jetzt immer einen Stapel Selfie-Sticks unter dem Arm haben. Da drängt sich mir dann doch die Frage auf: ist es inzwischen wirklich schon so völlig aus der Mode, den/die Liebste(n) vor irgendeiner Kathedrale oder ähnlichem zu fotografieren? Müssen denn wirklich immer beide drauf sein, weil sich niemand mehr schade genug dafür ist, den Platz hinter der Kamera zu besetzen? Jeder möchte auf jedem Bild sein – wieso? Und für wen? Und bevor jemand einwendet, dass sich so viele Worte für ein paar Irrgläubige nicht lohnen: die Dinger müssen viele Abnehmer finden, sonst würden sie von den Straßenverkäufern nicht angeboten. Der beste Beweis dafür war der Moment, als es anfing zu regnen. Keine fünf Minuten später hatten sie statt der Selfie-Sticks bündelweise Regenschirme in der Hand.

Innovationen sollen unsere Möglichkeiten vergrößern, nicht alles verändern

Zugegeben, ich habe einen merkwürdigen Hang zu Traditionen und Althergebrachtem. Und selbstverständlich gibt es nach traditioneller Konvention aufgenommene Urlaubsfotos, denen diese besondere Art der grimassierten Lebhaftigkeit, wie sie Selfies für gewöhnlich innewohnt, gut täte. Aber ich wehre mich dagegen, den Klassiker einfach zu ersetzen. Das Selfie ist nicht mehr als eine weitere Möglichkeit der Bildkomposition und hat spezielle Eigenschaften, die, gezielt eingesetzt, dem Foto eine ebenso spezielle Wirkung geben. Und der Selfie-Stick hebt diese Charakteristika nicht auf, auch wenn er die Distanz zwischen Objektiv und Fotograf verändert – man sieht auch einem mit Selfie-Stick aufgenommenen Foto an, wie es aufgenommen wurde. Außerdem ist das Fotografieren des/der Liebsten ein emotionsbehafteter Ritus, ähnlich dem Abspielen einer Schallplatte.

So töricht, eine Forderung zu formulieren, das Fotografieren mit Selfie-Sticks zu unterlassen, werde ich sicher nicht sein, denn die Dinger haben ja auch ihre Vorzüge. Aber ich frage trotzdem nochmal: Wieso werden so viele Selfies gemacht und für wen? Hat denn jemand Angst, man würde für einen Schwindler gehalten, wenn man von einem Urlaub erzählt, in dem Fotos entstanden sind, auf denen man nicht zu sehen ist? Oder haben die Leute Angst, selbst zu vergessen, wie es (bzw. sie) aussah(en)? Im Vordergrund des Selfies steht/stehen jedenfalls die sich fotografierende(n) Person(en), während die Kathedrale zur Requisite wird. Vielleicht ist es vermehrter Narzissmus, der die Leute dazu treibt. Oder aber ein Drang zur Perfektion, immerhin lässt sich bei einem Selfie viel leichter beeinflussen und korrigieren, wie man darauf aussieht. Und dabei zeigt sich nicht selten, dass die Menschen gar nicht wissen, wie sie aussehen bzw. sich ihr Bild nicht mit der Realität deckt. („Haha, was mache ich da denn für ein bescheuertes Gesicht? Das lösche ich gleich wieder.“ Dabei macht die Person auf dem Bild ein für sie völlig typisches Gesicht.) Und nicht zuletzt sieht es einfach dämlich aus, wenn man mit so einem müllgreiferähnlichen Ding, vor sich herumfuchtelt – geschweige denn damit durch die Stadt läuft.

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.