Dortmunds buntester Bahnhof


Seit 54 Jahren hält hier kein Zug mehr, dabei war er fast 90 Jahre lang der zweitwichtigste Bahnhof im Stadtgebiet: Der alte Bahnhof Süd in Dortmund. Ein über hundert Jahre alte Bahnstation gerät in Vergessenheit. Einzig die Graffitis hauchen dem Areal noch einen Rest Leben ein.

Wer den Heilgen Weg in Dortmund in Höhe der Einfahrt zum Großmarkt mal etwas genauer betrachtet, dem wird die alte Doppel-Eisenbahnbrücke und das riesige angrenzende Gebäude irgendwann merkwürdig vorkommen. Noch merkwürdiger wird er finden, wenn er wüsste, dass hinter den Reklametafeln stadteinwärts eine der letzten Ruinen des wohl verheerendsten Luftangriffs auf Dortmund am 12. März 1945 unter den Büschen und Bäumen liegt. Eine alte Treppenanlage, welche mit dem Rest der Stadt in einem einzigen Angriff aus über 5000 Brand- und Sprengbomben, abgeworfen in weniger als 45 Minuten, zerstört wurde.

Zerstörte Treppe heute (li.) und ca. 1930 (re.) / Foto: Wikipedia CC BY-SA 3.0 / Sammlung Erdmann

Wohin führte diese alte Treppe, deren Überreste man immer noch erkennen kann?

Die Treppe, die heute längst überwuchert, aber trotzdem noch zu erkennen ist, führte zu einem Empfangsgebäude des 1874 eröffneten und später mit einer weiteren Bahnlinie zusammengefassten Bahnhofs „Dortmund Süd“. Habt ihr noch nicht wirklich von gehört? Könnt ihr auch nicht, denn seit über 54 Jahren ist der Bahnhof auf den Karten nicht mehr existent. Dabei war er 90 Jahre lang (!!) einer der wichtigsten Bahnhöfe in Dortmund. Während des zweiten Weltkrieges dürfte er sogar die Verkehrsleistungen des Dortmunder Hauptbahnhofs übertroffen haben. Denn auch das schwärzeste Kapitel der deutschen Kriegsgeschichte spielte sich in grauenhafter Weise hier ab:Die Deportation deutscher Juden in Ghettos und Vernichtungslager erfolgte über den Dortmunder Südbahnhof. Eine unauffällige Gedenktafel an dem 43 Meter hohen, komischen Gebäude am Heiligen Weg erinnert heute daran. Ein Wasserturm für die Lokomotiven, genau das war dieses auffällige Gebäude einmal. Ich denke, in diesem Augenblick wird sich euer Blick für die Stadt wieder einmal ein wenig verändern, oder?

Dortmund hatte sein ganz eigenes 5Pointz

Doch es kommt noch besser. Hinter dem komischen Wasserturm befand sich ein riesiges Betriebsgelände der Bahn. Bis etwa 1910 gab es dort ganze drei Rundschuppen mit Drehscheibe, so dass insgesamt 34 Abstell- und Reparaturplätze für knapp 60 Lokomotiven zur Verfügung standen. Als das ganze Gelände dann 1963 geschlossen wurde, verfielen die Gebäude, stürzten teilweise ein, wurden Unterschlupf für Obdachlose und schließlich zu einem Mekka für die Ende der Achtziger Jahre aufstrebende und berühmte Graffiti-Szene in Dortmund. Das ganze Gebiet war mit Bildern und Farben überzogen und die Stadt Dortmund hätte sicher ein Gutes daran getan, dieses wilde Areal als Kulturgut und Zeitzeugen zu erhalten, denn in seiner Aussagekraft und seinem kreativem Treiben kam dieses Gelände dem 2013 unter Polizeischutz weiß gestrichenen New Yorker 5Pointz Areal sehr nahe. Vor einigen Jahren wurden die Gebäude des Betriebsgeländes aber vollständig abgerissen. Seitdem erinnert nur das Skelett eines letzten Ringlokschuppens und der fast hundert Jahre alte Wasserturm an die Vergangenheit. So wurde ein vergessenes Gelände für kurze Zeit zu Dortmunds buntestem Bahnhof.

Die Wahrnehmung von Ruhrgebiets-Ästhetik kann durchaus verschieden sein. Der Kanal DORTMUNDER KLABAUTER hat da sein ganz eigenes Verständnis von urbaner Schönheit. Hier könnt ihr dem Klabauter an die interessantesten und abgelegensten Plätze in Dortmund folgen. Den Eisenbahninteressierten unter euch empfehle ich den Railhoo-Report über den Bahnhof Süd.

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.