Dortmund zweipunktnull – kann ein Dortmund-Song cool sein?

Käffchen im Orchidee mit dem Wolf: DORTMUND zweipunktnull / Foto: Screenshot

Käffchen im Orchidee mit dem Wolf: DORTMUND zweipunktnull / Foto: Screenshot

Wenn Herbert Grönemeyer über Bochum singt oder Peter Fox über Berlin, dann laufen die Lieder noch viele Jahre später auf Parties und diejenigen, die sich mit der besungenen Stadt identifizieren kennen den Text oft auswendig. Was aber, wenn die Stadt Dortmund sich eine „Hymne“ quasi einkauft?

Die erste Reaktion bei den allermeisten, musikalisch nicht gänzlich Willenlosen dürfte ein Augenrollen und Stöhnen sein, wenn sie hören, dass die städtische Imagekampagne „Dortmund Überrascht.Dich“ eine neue Hymne auf die Stadt vorgestellt hat. Man erwartet schließlich ein Lied, das alle glücklich machen, schön die Tradition betonen, politically correct sein soll und dabei noch krampfhaft versucht, jung & hip zu sein.

Namhafte Dortmunder Künstler überzeugt

Ganz ohne die Ambition, ein möglichst breitgefächertes Publikum zu erreichen, kommt „DORTMUND zweipunktnull“ zugegebenermaßen nicht aus, aber die gute Nachricht ist: Dafür ist der Song gut geworden. Ein Grund dafür wird sein, dass die auftraggebende Dortmund-Agentur sich beim Lied selbst komplett herausgehalten hat, also im Grunde genommen nur als Geldgeber fungierte. Zum anderen hat sie bei der Auswahl der für DORTMUND zweipunktnull verantwortlichen Künstler ein gutes Gespür bewiesen. Denn Jens Albert aka der Wolf, DJ Rich Boogie und Jo Marie sind in der Dortmunder Musikszene bekannte Player, die sich bzw. ihrem Stil treu geblieben sind.

Der Beat wurde im Studio des jungen Hip Hop Labels Bounty Records von Martin Zybon und dem Wolf gebastelt und passt sowohl zum Hip Hop Oldschooler Albert, wie auch zu Hip Hop/Dancehall Artist Rich Boogie und zu Jo Maries souligem Gesang. Die Lyrics wiederum entstammen den Köpfen der drei performenden Künstler und erzählen vom heutigen Dortmund, vom außerhalb immernoch existenten Ruf der grauen Stadt sowie von seiner Offenheit und Freundlichkeit. „Ich bin ja erst 19 Jahre alt und kenne Dortmund nur so, wie es heute ist“, sagt beispielsweise Jo Marie. „Kohle, Stahl, Maloche, das kenne ich nur aus Erzählungen.“ Und genau das ist es auch, weshalb Albert nicht lange überredet werden musste: „Ich habe das schon oft erlebt, dass Leute, die noch nie im Ruhrgebiet waren, immernoch denken, hier wäre es wie vor 50 Jahren. Und wenn sie dann hierher kommen, müssen sie ihre bisherigen Vorstellungen über den Haufen werfen.“ Daher sei es ihnen wichtig gewesen, mit diesen antiquierten Vorurteilen mal aufzuräumen. Während Jo Marie und der Wolf beide aus Dortmund kommen, erzählt Rich Boogie hingegen seine Geschichte, wie er als kleiner Junge aus Ghana hierher kam und hier seine Heimat gefunden hat.

Fast wie immer vor´m Adlerkiosk: Party mit Rich Boogie / Foto: Screenshot

Fast wie immer vor´m Adlerkiosk: Party mit Rich Boogie / Foto: Screenshot

Schickes Video für kleines Geld – aus Liebe zur Stadt

Nicht ganz unwichtig ist bei DORTMUND zweipunktnull auch das dazugehörige Video, für das die junge Dortmunder Medienagentur Tapir Media die für in Dortmund Lebenden wichtigen Spots auswählte und binnen drei Drehtagen alle Szenen eintütete. „Für ein äußerst überschaubares Budget“, wie Sören Spoo von der städtischen Agentur feststellte. Für Tapir-Mitbegründer David Doehrer eine Selbstverständlichkeit: „Normalerweise müsste man für so einen Aufwand schon deutlich mehr verlangen. Aber wir wissen, dass Dortmund nicht die reichste Stadt ist und wollten aber, dass ein Lied, das unsere Heimatstadt besingt, auch ein würdiges Video bekommt.“ Und so rappen und singen sich die drei gut gelaunt durch unsere Stadt, vom Rednerpult im Rathaus (definitiv ist dieser Shot mit Rich Boogie der Beste!) bis vor´s Roxy Kino und dem Jimmy Jimsen in der Münsterstraße. Dabei wird man das Gefühl nicht los, man schaue einen auf drei Minuten runterkomprimierten Tatort, nur ohne Leiche auf Phoenix West. Irgendwie schwierig, sich so etwas als Ur-Dortmunder anzuschauen. Lässt man sich darauf ein, macht es aber irgendwie Spaß. So ist Dortmund nun mal – und das bringt das Video samt seinen drei Künstlern ziemlich nice rüber.

Übrigens wird DORTMUND zweipunktnull im Rahmen des „Dortbunt!“-Wochenendes ab 20:45 Uhr auf dem Friedensplatz live-Premiere feiern.

Sängerin Jo Marie singt sich durch die Münsterstraße / Foto: Screenshot

Sängerin Jo Marie singt sich durch die Münsterstraße / Foto: Screenshot

Unser Fazit: Ja, der Song soll nicht nur den Geschmack einer Szene besingen, was Szenenerds natürlich eher nicht so gefallen wird. Aber: Unter all den Stadthymnen sticht DORTMUND zweipunktnull definitiv hervor, weil es – wie die Stadt selbst auch – frisch ist, weil es authentisch entspannt ist, und weil es die positiven Seiten Dortmunds so darstellt, wie man sie auch tatsächlich erlebt. Kein plattes Marketing, sondern ziemlich smartes Zeug. Den Mut zu mehr Kunst, gewagterem Videoschnitt, weniger Klischee-Denken und mehr Verknüpfung zur Subkultur in der Stadt vermisst man aber. Dortmund bleibt halt Dortmund – jetzt also auch mit einem eigenen Song. Na dann!

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About the author

Nachdem er seinen Job als Sportreporter an den Nagel gehangen hat, hat es Florian Kohl als Freelancer, Denker und Schreiber von Hamburg nach Dortmund verschlagen. Soziale Strömungen, Politik und vor allem gutes Essen liegen dem vormals Hardcore-Reggae-Fundamentalisten sehr am Herzen. Wer ihn heutzutage eher auf Garage-Konzerten antrifft, sollte mal lieb grüßen: You won’t see him raging as long as being treated nicely.

2 comments on “Dortmund zweipunktnull – kann ein Dortmund-Song cool sein?”

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