Leben mit der #dobombe in Dortmund

bombe_dirk_vorderstrasse_flckr

Bomben wie diese liegen zuhauf unter Dortmund / Foto: Dirk Vorderstraße / Flckr / License: CC BY-NC 2.0

Wenn Dortmund mal wieder komplett im Verkehr versinkt und bis zu 20.000 Menschen zu einer kleinen Völkerwanderung aufbrechen, dann ist mal wieder #dobombe. Und während andere Städte in Deutschland an dieser Stelle in Chaos und Unruhe verfallen, winken die Dortmunder nur müde ab. Es wurde mal wieder ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg im Boden gefunden. Nichts neues hier.

Bombenfunde sind für Dortmunder so normal wie eine Pflicht-Currywurst bei Wurst-Willi. Fast wöchentlich werden bei Bauarbeiten Blindgänger bis zu acht Meter tief im Erdreich entdeckt und anschließend entschärft. Dies führt regelmäßig zu Verkehrschaos und teilweise aufwendigen Evakuierungen. Kaum ein Dortmunder, der noch nicht vor gesperrten Hauptstraßen in einem roten Meer aus Rücklichtern stand und beinahe ins Lenkrad gebissen hätte. Kaum ein Dortmunder, der noch nicht mindestens einmal in seinem Leben evakuiert wurde. Kaum ein Dortmunder, der nicht die zwei Zündsysteme der Bomben benennen kann, die hier im Boden schlummern: Aufschlagzünder oder ein Aceton-Säurezünder.
Erstere sind die weniger problematischen. Sie haben schon beim Abwurf vor mehr als 70 Jahren nicht ausgelöst. Ein verdammt kräftiger Schlag wäre also nötig, um sie zur Detonation zu bringen. Dramatischer sind da schon die Säurezünder: Beim Aufschlag sollte eine Säureampulle zerbersten. Diese Säure sollte anschließend eine Zelluloid-Mechanik des vorgespannten Schlagbolzens zersetzen. Erst dann löst die Bombe aus. Dieser chemische Zersetzung sollte von vier Stunden bis zu einer Woche dauern. Ziel war es, die Bomben erst Stunden bis Tage nach dem Einschlag explodieren zu lassen, um so für maximalen Schock und Zerstörung innerhalb der Bevölkerung zu sorgen. Viele der unter Dortmund liegenden Blindgänger haben einen Säurezünder und niemand weiß, in welchem Zustand sich das Zelluloid heutzutage befindet. Wir sitzen quasi auf einem gewaltigen Haufen tickender Zeitbomben.

Niemand weiß genau wieviele es sind

Wie gewaltig dieser Haufen ist, kann man nur schätzen. Eindrucksvoll sind die Zahlen auf jeden Fall: Allein am 12. März 1945 warfen mehr als 1100 Bomber ihre tödliche Fracht auf Dortmund ab, es war der schwerste Angriff auf eine deutsche Stadt im gesamten Kriegsgeschehen. Ab 1943 wurden acht ähnlich verheerende Großangriffe gezählt, in den gesamten Kriegsjahren wurden 105 Bomberangriffe auf Dortmund geflogen. Mit seinen wichtigen Verkehrsadern und Rüstungsindustrien war das Ruhrgebiet im zweiten Weltkrieg ein präferiertes Ziel für die alliierten Streitmächte. Das Erbe dieses Flächenbombardements taucht fast wöchentlich bei Bauarbeiten in Dortmunds Erdreich auf: Am 8. Dezember wurden vier Bomben an der B54 gefunden, am 25. August eine 250 Kilo Bombe auf dem Gelände der Westfalenhütte, Am 15. August wurden in Eving 7000 Menschen evakuiert, am 28. Juli war es wieder ein Blindgänger auf der Westfalenhütte, ebenso am 22. Juli, dazwischen wurden zwei Bomben in Wambel gefunden, am 11. Juli an der B1, am 23. Juni traf es Dortmund Hörde, einen Tag vorher Westerfilde. Die Liste geht endlos so weiter. Wie aber entdeckt man die Dinger überhaupt?

Ausschlaggebend für die Entdeckung der Blindgänger sind fast immer Baustellen. Jeder, der einen Bauantrag stellt, ob Privatperson oder Baufirma, ist verpflichtet eine Bombensondierung vornehmen lassen. Dabei wird bei der Bezirksregierung Arnsberg gepachtetes Fotomaterial der Alliierten ausgewertet, die unser Stadtgebiet vor, während und nach der Bombardierung zeigen. Experten suchen gezielt nach Kratern und Einschlaglöchern, sowie nach Spuren von detonierten und eben nicht detonierten Bomben. Gibt es Hinweise auf Blindgänger, werden auf der Baustelle Magnetfeldmessungen vorgenommen. Oft sind diese mit zahlreichen und aufwendigen Probebohrungen verbunden. Wird die angerostete Bombe gefunden, analysiert man das Zündsystem und dann wird schnell gehandelt: Sperrungen und Evakuierungen folgen. Die größte Angst, die die Dortmunder begleitet, ist übrigens nicht die Angst vor einer Detonation. Vielmehr die Einbrecher machen Sorgen. Wird ein halber Stadtteil evakuiert, wie es 2013 in Dortmund Hombruch geschah (20.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, auch ich war wieder einmal dabei), ist dies eine willkommene Einladung für Raubzüge. Sechs Häuser und eine Gaststätte wurden hier damals trotz eines massiven Polizeiaufgebots ausgeraubt. 

Letzte Woche erst saß ich nur 30 Meter von einer Evakuierungszone nahe der Innenstadt entfernt am frühen Abend in meinem Zimmer und tipperte so auf Facebook rum, als ein tiefer, monströser Knall die Scheiben meiner Wohnung erzittern ließ. 500 Meter weiter wurde soeben der Zünder eines 250 Kilo Blindgängers mit Hilfe einer „Raketenklemme“ aus der Bombe herausgesprengt. „Raketenklemme“, auch das ist den meisten Dortmundern mittlerweile ein Begriff. Die Explosion ließ mich ganz schön zusammenzucken und ich rief auf Twitter schnell den Hashtag #dobombe auf. Ich laß, dass der Knall zu einer kontrollierten Sprengung des Zünders gehörte und widme mich wieder meiner Timeline. Dortmund halt, wie immer.

 

Spread the word. Share this post!

About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.