Das Dortmunder Kreuzviertel: Bohème oder Bohei?

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Foto: Houston, I am the problem / Flickr / License: CC BY-ND 2.0

Es ist eines der beliebtesten Wohnviertel Dortmunds: Das Kreuzviertel. Warum zieht es so viele junge Leute dorthin und was erwartet euch wirklich?  Wir haben uns mal durch Latte Macchiato und Dinkelplätzchen gewühlt, um uns selbst einen Eindruck von dem seltsamen Treiben dort zu machen.

„Mensch Bjoern“, werde ich immer wieder angesprochen, „warum promotest du eigentlich diese fürchterliche Nordstadt so viel und wieso lästert du so gerne über das Dortmunder Kreuzviertel?“ Ihr habt recht. Meine Artikel über die Dortmunder Nordstadt, diese Elizabeth Taylor des Ruhrgebiets, verrückt, irgendwie schön, abgetakelt, verfallend, verwirrt und ständig voller Drama, schafften es zuletzt sogar bis ins VICE Magazin. Das wird ein Post über das wunderschöne Kreuzviertel nicht schaffen, denn Dinge wie Drama und Verrücktheit sucht man hier natürlich vergeblich. Und genau deshalb ziehen so viele hierher, das verstehe ich vollkommen. Dieses Dortmunder Wohnviertel ist voll mit Gründerzeit-Altbauten, der Anteil an Akademikern überwiegt und auch die in den letzten Jahren hinreichend belächelten Latte-Macchiato-Mütter tummeln sich hier nach wie vor, besetzen die Cafés, welche schöne Namen wie Café Chocolate tragen und sich nahtlos in eine Berliner Prenzelberg-Idylle einreihen könnten. Ein perfekter Landeplatz für junge Familien, ein perfekter Startplatz für Zuziehende, vor allem Studenten. Wer auf der Dinkelstaub-Piste dieses Micro-Flughafens landet bzw. startet, liebt es urban, genießt die unmittelbare Nähe zur Innenstadt, bevorzugt Bio und handgemachte Burger, serviert auf Holzbrettchen, gebrutzelt von bärtigen Männern, die ansonsten wie ein Haufen junger Quäker um ein Macbook herum sitzen und neue Fonts und Schriften entwerfen, die am Ende aussehen, als hätte Oma sie mit einem abgebrochenen Bleistift auf ihr erstes Einmachglas gekrakelt. Das Kreuzviertel, ein mit Leben gefüllter Ikea-Katalog, welches dem Zugezogenen eine gute und sichere Zukunft in der Stadt verspricht – ein Vorteil, den die Nordstadt leider nicht bieten kann. Schauen wir uns also mal etwas genauer um.

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„Hier ist kein Kiez!“, gesehen im Kreuzvietel. Foto: Achim Hepp / Flickr / License: CC BY-SA 2.0

Sitzt man abends in einer der meist durchschnittlich eingerichteten Bars und beobachtet den typischen Kreuzviertel-Gänger, so schließt sich der Kreis: Viele der hier Gestrandeten sind noch nicht lange in der Stadt, ihre Freundschaften schließen sie an der Uni oder der FH. Eine wirkliche Szene ist so nicht entstanden, die Besucher sehen aus wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen, dem ein gut gelaunter Gott für eine kurze Zeit einen Sektkorken an die Seele gebunden hat. Es gibt knuffige Metalheads, Primi-Mäuschen in langweiligen Turnschuhen, an jeder Ecke Gespräche über Fußball, jede Menge Junggesellenabschiede, jede Menge T-Shirts mit teilweise ziemlich dämlichen Prints und jede Menge Menschen, die anfangen zu jubeln, wenn plötzlich „Cotton Eye Joe“ aus den Boxen dröhnt. Neben Fußball sind „Erstsemester“, „Referendariat“ und „Globuli“ als Gesprächseinstieg hoch im Kurs, meist auch dann schnell wieder als Gesprächsausstieg. Jedenfalls für mich. Die vielen Kneipen sind gut gefüllt und die Besucher immer eines: Nett. Um Gäste braucht man sich hier anscheinend weniger Sorgen machen. Nur so lässt sich erklären, warum das Silent Sinners, der einzige Club im Viertel, von Donnerstag bis Samstags aus allen Nähten platzt, während mittlerweile jede Jugendfreizeitstätte zwischen Borken und Sögel mehr Charme und eine bessere Lichtanlage besitzt als dieser komische Keller. Hier kann man jedenfalls wunderbar seine Unbeholfenheit zur Schau stellen, ob beim Tanzen oder beim Flirten. Netter geht es da schon in den Cocktail-Bars zu. Das Balke und das Bieder & Meier trumpfen hier mit professionellen Barkeepern, tollen Aroma-Kombinationen und diversen Sorten des allseits beliebten Gin Tonic. Die hohe Dichte an Kneipen und Restaurants steigert die Attraktivität des Viertels, ebenso wie die Nähe zum angrenzenden Saarlandstraßenviertel, zum Klinikviertel, zum Althoffblock und dem Westpark. Das erklärt den überdurchschnittlich hohen Mietpreis, die Wohnungsknappheit und vor allem eines: den extremen Mangel an freien Parkplätzen. Wer also hier wohnen möchte, der sollte sich an die nüchterne Tatsache gewöhnen, nach der Arbeit oder der Uni Ewigkeiten durch das Viertel zu kurven und eine Menge wertvolle Lebenszeit mit der Suche nach einem freien Parkplatz zu verlieren. Da wird der Verzicht auf ein eigenes Auto direkt attraktiv.

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Kekse mit viel Liebe drin gibt es bei u.a. bei Unterhaltung im Kreuzviertel. Foto: RaumZeitGeist / Flickr / License: CC BY-NC 2.0

Tagsüber kann man seine Zeit wirklich wunderbar in den schicken Cafés vertrödeln. 08/15-Kaffee und -Kuchen gibt es hier selten: Handgemachte Cakes, deftig belegte Brote, die besten Bagels der Stadt (Café Asemann), eine große Auswahl an heimischen Limo-Sorten und edle Röstspezialitäten beglücken den nach Individualismus und Bio-Rührei strebenden Großstadtbewohner. Schaut man sich etwas genauer um, wird man den Eindruck nicht los, dass viele der anwesenden Gäste gerne Grün wählen und auch schon mindestens einmal barfüßig und selig beglückt einen Baum umarmt haben. Und wer auf der Suche nach den originellsten Kindernamen ist, der wird auch recht schnell fündig. Sogar einen Geigenbauer gibt es hier noch. Dazu radeln vor den Fenstern gut gelaunte Menschen mit Blumen und Baguettebroten im Fahrradkorb vorbei und junge Mütter schieben zwischen Yogakurs und Pekip-Gruppe glücklich ihre Kinderwagen durch ihre Hood. Dabei sind es gerade die noch nicht so lange dort lebenden Bewohner, die sich einiges einbilden auf ihr neues Zuhause. Die älteren aus dem Viertel sind da wesentlich entspannter. So idyllisch man das alles finden mag, so schnell kann es einem auch mächtig auf die Nerven gehen. Noch nie lagen Bohème und Bohei so nah beieinander. Ich jedenfalls bin nach wie vor froh, dass die Nordstadt mit ihren Bars und Originalen als echte Alternative zu dieser netten Akademiker-Wohnblase auf der anderen Seite der Stadt bereits auf mich wartet. Bis morgen dann mal wieder, liebes Kreuzviertel, wie immer zum Frühstück.

 

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.

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