Allein in den Urlaub? Ein Erfahrungsbericht für Zweifler

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Solo-Weltenbummler und Natur-Eremiten dürfen getrost weitersurfen. Für euch ist dieser Artikel nicht gedacht. Wer von euch jedoch Zweifel daran hat, mal allein zu verreisen, für den habe ich diese Erfahrung in sieben Punkten zusammengefasst.

Ich liebe das Reisen und durfte in den vergangenen Jahren schon oft in den Genuss kommen, mit einem Flugzeug die Erde unter mir zu lassen. Allein war ich dabei aber so gut wie nie. Ich habe beschlossen, das zu ändern. Werde ich mich einsam fühlen? Wird es langweilig? Wird mir der Austausch fehlen? Mit viel Skepsis und einem unguten Gefühl steige ich also zum ersten Mal allein in den Flieger.

Neue Freiheit
Ich habe Flugangst, und obwohl ich jetzt zum genau 60. Mal in einer Maschine sitze, habe ich damit noch nicht abgeschlossen. Alleine Reisen ist ein neuer Schritt für mich, warum also nicht noch mehr neue Schritte einleiten: Ganz spontan entschließe ich mich, ab jetzt keine Flugangst mehr zu haben. In meiner jetzigen Situation erscheint sie mir extrem unangebracht und albern. Zu meinem eigenen Erstaunen klappt das hervorragend: Wenn niemand da ist, auf den du deine Angst projizieren kannst, dann scheint sie plötzlich kontrollierbar und gar nicht mehr so groß. Einmal im Hotel angekommen, kann ich mir aussuchen, auf welcher Seite des Bettes ich schlafen werde. Eine Freiheit, derer ich mir erst jetzt schlagartig bewusst werde.

Zweifel
Pläne schmieden, so empfinde ich es, kann man nur mit anderen Personen. Allein aber kann man sich allenfalls etwas vornehmen. Am ersten Tag nehme ich mir vor, mit einer abenteuerlichen Tram zu fahren. Warm eingehüllt in einen Knäul aus Franzosen und Japanern, die anscheinend den gleichen Reiseführer haben wie ich, rumpel ich durch halsbrecherische Gassen. In diesem Augenblick passiert etwas komisches: Ich sehe mich plötzlich selbst von oben, wie ich in diesem altertümlichen Geschoss sitze und frage mich, was zur Hölle ich hier eigentlich mache. Eine leichte Panik steigt in mir auf und ich stelle die gesamte Reise in Frage. So schnell, wie dieser unheimliche Moment kam, verschwindet er auch wieder. Kurz darauf fühle ich mich zutiefst glücklich. Ich bin allem Zweifel erhaben. Allein reisen ist irgendwie witzig, denke ich mir und ich freue mich auf das, was in den kommenden Tagen vor mir liegt.

Hundstage
Mein gesamtes Handeln während dieser Tage hat etwas sehr „instinktives“. Ich glaube, so ähnlich fühlen sich Hunde. Stehe ich auf, dann stehe ich auf. Bleibe ich liegen, dann bleibe ich liegen. Kein verbaler Austausch um irgendwas. So spontan wie in diesen Tagen habe ich noch nie gehandelt. Jegliche Auseinandersetzung über die nächsten kommenden Minuten, über Hunger, Durst, Ausruhen oder Weiterlaufen findet nur in meinem Kopf statt. Und so verweile ich oft ziemlich lange an den verschiedensten Orten und hänge meinen Gedanken nach. Wunderschön entspannend, aber auch keine ganz leichte Situation für Unentschlossene.

Foto: Angelo Domini / Flickr / Licence: CC BY-NC-ND 2.0

Unentschlossenheit
Manchmal erwische ich meine Gedanken dabei, wie sie sich selbst unterhalten. Dann will ich am Abend noch in einen Club, dann aber doch wieder nicht, dann aber wieder doch. In solchen Situationen versuche ich mir bewusst zu machen, dass ich mich da irgendwie selbst austricksen muss, um dieser Schleife zu entkommen. Gelingt aber von Tag zu Tag immer besser: Beim geringsten Zweifel einfach machen! Der Weg ist das Ziel und alles ist besser, als sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn man es doch gemacht hätte. Überhaupt scheint man viele Augenblicke sehr intensiv zu genießen.

Genuss
Allmählich lerne ich die Schönheit der bescheidenen Lüste kennen. Jeden Espresso, mit seinem Duft der braunen Crema, dem Geschmack der tiefschwarzen Brühe, der anregenden Wirkung des Koffeins, genieße ich intensivst. Genuss ist jetzt kein Beiwerk mehr zum Zwecke der Kommunikation. Auch der Austausch über das beschriebene Crema-Erlebnis findet nicht statt. Einzig übrig bleibt der reine Moment des Genusses, auf den sich mein Geist konzentriert. Eine nicht zu unterschätzende Erfahrung, die in mir aber auch eine Kehrseite hat: Ich rede gern und viel. So viele Sätze, die ich nicht aussprechen kann!

Satt an Sätzen
Anfangs fühle mich, als hätte ich tausend Sätze gegessen. Nicht, dass sie unbedingt raus müssen. Ich fühle mich satt an Sätzen, die unausgesprochen in mir schlummern. Manchmal kommt der Gedanke auf, man hätte mir den Mund zugenäht. Dann stehe ich schnell auf und frage jemanden nach Feuer, um meine Zunge zu lösen. Viel mehr aber will ich gar nicht reden. Ein Tag wirkt plötzlich so lang wie zwei Tage. Nach einer recht kurzen Zeit verschwindet das Völlegefühl an Worten. Eine grundlegende, alles umfassende Zufriedenheit stellt sich ein. Meine einzige Kommunikation heute vollzieht sich übrigens am späten Abend mit einer Kante von Türsteher. Er deutet mir mit dem Zeigefinger den Weg zum Klo. Ich nicke.

Foto: Gioia de Antoniis / Flickr / Licence: CC BY-NC-ND 2.0

Fazit
Ich erlebe unglaublich schöne Tage. Während all der Zeit findet eine ziemlich gesund wirkende Art von Selbstreflexion statt: Wer bin ich eigentlich genau jetzt?  Wie wirkt mein neuestes Update auf eine gänzlich neue Umwelt? Für meine Freunde zu Hause laufe ich immer noch auf Windows 98, dass wird sich nicht ändern. Die aktuellste Version meiner selbst kann ich tatsächlich nur hier testen.

Meine größte Sorge war das alleine essen im Restaurant.
Vollkommen unbegründet! Auch hier stellt sich der Genuss vor die Kommunikation und ich sehe plötzlich ganz viele Menschen, die ebenfalls allein an ihren Tischen sitzen. Mit einem Glas Rotwein zum Essen legt sich die erste Unsicherheit ziemlich schnell und plötzlich sind es die Paare, die jeden Schritt gemeinsam begehen, die exotisch wirken.

Vieles, was ich sonst direkt nach außen tragen würde, habe ich einsaugen können. Es ist da drin, tief in mir, und ich fühle mich dadurch gestärkt. Ja, es hat mich verändert. Ich fühle mich stärker, selbstsicherer und vor allem: ruhiger und kontrollierter. Einfach mal allein zu verreisen war eines der besten Erlebnisse, die ich je gemacht habe. Es ist nicht besser als zu zweit oder mit mehreren Personen. Es ist einfach völlig anders. Und es ist ziemlich gut: Ich kann es unbedingt empfehlen.

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About the author

Bjoern Hering lebt seit über 30 Jahren in Dortmund, aufgewachsen zwischen Graffiti, schwitzigen Konzerten und haufenweise Instrumentenkabeln. Bjoern liebt das Reisen und das Entdecken von Vergänglichem inmitten von hektischem Großstadttreiben. Auf seinem Blog Last Junkies On Earth dokumentiert er das Treiben seiner Stadt.